Ratgeber: Social Media ist das neue Nikotin

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Facebook, Instagram, Snapchat und viele andere bauen auf dem Geschäftsmodell der Sucht auf. Aber wollen wir unsere Kinder auf diese Art erziehen?

Ich gebe zu, ich war jener begeisterter Fan, als Apple sein erstes iPhone vor 10 Jahren präsentierte. Ein Telefon ganz ohne Tasten und mit großflächigem Display. Gehörte ich doch vorher zu jenen Nokia-Gefrusteten, die den ständigen Wechsel von Ladekabeln hassten. Endlich schien ein Gerät geboren, von dem ich mich verstanden fühlte. Eine neue Generation der Kommunikation wuchs heran. Und ich fühlte mich gut mit meinem neuen iPhone.

Was ich gänzlich außer Acht ließ, war eine mögliche Suchtgefahr. Wie zum Teufel soll ein Handy einen süchtig machen?, dachte ich mir. Schon bei meinem Nokia mochte ich das Simsen nicht. Viel zu klein die Tasten, zu teuer der Versand und an die ständigen Vertipper, trotz T9-Fehlerkorrektur, gar nicht zu denken. Sucht war für mich kein Thema.
Zu welcher Generation zählte ich mich eigentlich, damals vor 10 Jahren mit Ende 30? Dem Teenageralter klar entsprungen, Vater dreier Kinder und begeisterter Technik-Nerd dazu. Wohl wissend, wenn die Kinder einmal größer werden, sie sich für Smartphones auch interessieren dürften. Wird es mir gelingen, ihnen das Beste mit auf den Weg zu geben?

Die Suchtmuster, die die Sozialwissenschaftlerin Jean M. Twenge in ihrem Artikel „Haben Smartphones eine Generation zerstört (Englisch)“ beschreibt, sind beängstigend. Denn drei von vier Jugendlichen in den USA besitzen ein Smartphone. Hierzulande dürfte es kaum anders sein. Hinzukommt, dass sie heute mit einer neuen Form der sozialen Topografie aufwachsen - nämlich der virtuellen. Ihr Leben findet auf Snapchat und Instagram statt, in einer Art sozialem Fegefeuer, gefangen in der Hitze des Jetzt. Ihre jungen Gehirne, die so eifrig um Validierung und Zustimmung ihrer eigenen Bilder und die ihrer Freunde ringen. Jeder Erwachsene, der sich in die Kinder hinein versetzt, sieht das Drama, das sich vor ihren Augen abspielt. Doch wie nur helfen?

Die Sucht der Jugendlichen wird zur Hilflosigkeit der Erwachsenen.

Wenn Jugendliche ständig als Sklave der sozialen Medien handeln und unaufhörlich von den Geräten dazu aufgefordert werden zu interagieren, dann neigen sie viel eher zu Depressionen und aggressivem Verhalten. Die USA verzeichnen seit dem Jahr 2011 einen Anstieg dieser Depressionen, verbunden mit höheren Selbstmordraten. Twenge hat den Begriff des „iGen“ eingeführt, um die Jugendlichen zu beschreiben. Mit dem iGen (Internet Generation, zwischen 1995 und 2012 Geborene) werden wir an die Grenzen fataler psychischer Gesundheitsstörungen geführt, deren Ursprung in den Handys zu finden ist.

Die Mischung aus sozialen Medien und Smartphones ergeben den Cocktail der Sucht. So wie Alkohol die Wirkung von Medikamenten verstärkt bzw. gemixte Drogen den Wahnsinnstrip erst möglich machen, so lassen wir Erwachsene zu, dass der Vulkan sich immer wieder neu entfacht. Die durchaus nützlichen mobilen Helfer werden in den Händen unserer Kinder zu ungewollten Erziehern in unserem Leben, die uns alle ernsthaft unglücklich machen können. Und dazu braucht es noch nicht einmal eines wissenschaftlichen Beweises. Es genügt die aufmerksame Beobachtungsgabe gegenüber den Jugendlichen.
Wie oft am Tag ziehen sie sich mit ihren Geräten zurück, vertieft in eine unwirkliche Welt, was sie das reale Umfeld vergessen lässt? Es ist das bewusste Fernbleiben vom Leben, es ist die Flucht vor Problemen, Auseinandersetzungen und die Unfähigkeit soziale Bindungen einzugehen. 
Und dieser Trend spiegelt sich überall auf der Welt wieder. Das Martyrium „soziale Medien“ wird als Suchtfaktor kaum thematisiert. Bis heute trauen sich Bildungsminister nicht, soziale Medien als Bildungs- und Erziehungsfach in Schulen aufzunehmen. Lieber nimmt die Bundes- und Lokalpolitik eine Basisverdummung des Volkes in Kauf — so scheint es. Warum auch sollte man zur Aufklärung, Mitgestaltung und Verbesserung beitragen? Oder darf unterstellt werden, dass alles das gewollt ist, um den Verbraucher für die Wirtschaft gefügig zu halten?

Und natürlich müssten Betreiber sozialer Netzwerke ihr Geschäftsmodell der Einflussnahme und Zerstörung auf den Menschen überdenken. Eine gute Möglichkeit der Steuerung zu mehr Qualität, wäre die Einführung eines Entgelts für die Nutzung von Diensten. Insbesondere Jugendlichen würde das gut tun. Sie würden dann sehr genau überlegen, ob sie ihr Taschengeld für 4, 5 oder 6 soziale Netzwerke verschwendeten oder vielleicht „nur“ für eines. Gleichwohl würde der schädliche Einfluss auf die Psyche des Anwenders merklich abnehmen. Die Politik hätte es hier leicht, eine Besteuerung beizuführen. Denn bei Alkohol und Tabak tut sie es ja auch, um Jugendlichen den Zugang zu Drogen zu erschweren. Gleichzeitig könnte die Politik in Schulen lokale, soziale Netzwerke fördern und so den Jugendlichen einen kostenfreien, sicheren und kontrollierten Umgang des soziales Netzwerkens ermöglichen.

Wie so oft – man müsste es nur wollen.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach deutschen und europäischen Datenschutzrichtlinien
Lebt seit 2015 in Rio de Janeiro
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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1 Kommentar auf "Ratgeber: Social Media ist das neue Nikotin"

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Susanne Bartens
Gast

In der Kürze liegt die Würze – sagt man – hier hätte ich mir freilich etwas mehr Konkretes gewünscht. Nun ja – wir können uns vielleicht ja auch selber noch zum Denken verführen. – Zum Glück genieße ich diesbezüglich die Gnade der „frühen Geburt“ (Jg. 1961) und verweigere mich noch erfolgreich dem Gesimse und dem Smartphone. FB und Internet nur von PC aus. Aber auch schon durchaus mit stellenweise fragwürdigen Folgen. Ok – dafür gibt es bei mir keinen Fernseher mehr. 😉

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