Warum sind soziale Netzwerke so erfolgreich?

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Mach es einfach. Mach es unvergesslich. Lade zum Lesen ein. Schreibe locker.Leo Burnett

Unser Gesellschaftsbild hat sich verändert. Das der Millennials, also der zwischen 1980 und 2000 geborenen, sogar im Besonderen. Sie leben in einer Welt des Genusses und der Selbstbessenheit, eine vom Narzissmus geprägte und dem Drang, alles über sich erzählen zu müssen. Man kann die Millennials auch die Content-Generation nennen, die, die endlose Inhalte in die sozialen Netzwerke eingeben und dabei Betreiber, manchmal sogar sich selbst, reich machen.

Ich bin kein Millennial, aber mein ältester Sohn. Ich gehöre der Generation X an, auch Baby-Boomer-Generation genannt. Das sind die, die die Computerentwicklung in den 80ern haben wachsen sehen und sich Anfang der 90er ins Internet trauten. Damals alles im Schneckentempo, mit Modem und mit einfacher Grafik. Soziale Gemeinschaften entwickelten sich bescheiden in geschlossenen Kreisen, die sich CompuServe, AOL und in Deutschland T-Online nannten.

Heute dreht sich alles um Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und WhatsApp. Bilder, Texte und Kurzvideos werden im Minutentakt gepostet. Man will sich der Welt mitteilen, zeigen, dass man da ist und dazugehört. Getauscht wird alles: Links, Erfahrungen, Artikel und Musik. Mit YouTube und Vimeo werden Konzerte und Spaßfilme geteilt, die man auf seinem Smartphone aufnahm. Zu meiner Zeit waren jegliche Bild- und Tonaufnahmen auf Konzerten verboten.

Mit Medium, PostHaven, WordPress und anderen Blogportalen werden ganze Tagebücher, Artikel oder Romane geschrieben. Die digitalen Datenmengen, die täglich verfasst werden sind gigantisch und die Größen kaum noch vorstellbar. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was täglich verkonsumiert wird, habe ich mich der Internetstatistk von Littlejack Marketing und Contently bedient. Früher gab man noch Monatswerte an, während wir heute die Einheit in „pro Minute“ wählen müssen, um noch Größen nachvollziehbarer Zahlenwerte zu erhalten.

Weltweit werden pro Minute folgende digitale Mengen verbraucht:

  • Versenden von 204.000.000 Emails
  • 4.000.000 Suchanfragen an Google
  • Schreiben von 1.400 neuen Blogbeiträgen durch Autoren
  • Teilen von 2.460.000 Medieninhalten auf Facebook
  • 277.000 Tweets auf Twitter
  • 83.000 US-Dollar Online-Verkäufe durch Amazon
  • 416.667 Wischaktionen der Partnerplattform Tinder
  • Teilen von 347.222 Fotos auf WhatsApp
  • Veröffentlichen von 216.000 neuen Fotos auf Instagram
  • Anhören von 61.141 Stunden Musik auf Pandora
  • 48.000 App-Downloads im Apple App Store
  • 26.380 Bewertungen durch Yelp-Benutzer
  • 23.300 Stunden Skype-Verbindungen
  • Teilen von 8.333 Videos mit Vine
  • Pinnen von 3.472 Bildern auf Pinterest
  • 72 Stunden neue Videos auf YouTube

Beim Lesen dieser Zahlen drehen sich einem schnell die Augen. Und die Welt in einer Minute. Und nicht selten frage ich mich, wer zum Teufel liest das und sieht es sich an? Dazu die Zeit, die es braucht erstellt und publiziert zu werden. Folgende Info-Grafik verdeutlicht die Datenmenge, die täglich erstellt wird:

Quelle: Northeastern University

Vielleicht ist obige Grafik ein wenig irreführend, weil sie sich mehr auf Datenmengen und weniger auf Social-Media-Inhalte bezieht. Dennoch versetzte sie mich in großes Staunen. Das Staunen war genauso groß, wie, wenn man mir erzählte, dass der Amazonas-Fluss täglich soviel Wasser pumpt, dass es den Wasserbedarf einer Stadt wie New York für neun Jahre decken würde. Denn „1 Exabyte“ ist die Größeneinheit von einer Trillion (1018) Bytes, einer Milliarde Gigabytes, einer Million Terabytes oder eintausend Petabytes.

Doch wollen wir über die Leute sprechen, die all diese Inhalte erstellen, jene, die die sogenannten „benutzergenerierten“ Inhalte liefern und bewusst sich der Welt mitteilen. Auch ich bin einer solcher Autor, der in diesem Moment durch seine Mühen persönliche und hoffentlich wertigen Zeilen Content erzeugt. Lassen Sie mich Ihnen Gründe liefern, warum ich das tue. Zunächst einmal halte ich fest, dass die Bedürfnisse eines jeden Menschen sehr vielfältig und unterschiedlich sind. Einerseits gibt es Autoren und andererseits Leser. Beide haben Wünsche, Sehnsüchte und wollen sich in irgendeiner Art und Weise bereichern, ihren Horizont erweitern. Dazu möchte ich drei Netzwerke heranziehen und über sie sprechen.

  • Facebook — mit mehr als zwei Milliarden aktiven Nutzern monatlich das weltweite größte soziale Netzwerk. Die breiteste Basis, um Menschen erreichen zu können. Die Mutter dessen, was viele unter „sozialem Netzwerken“ verstehen.
  • Snapchat — in den Anfängen neu, weil sogenannte Snaps, also Schnappschüsse, nur eine kurze Zeit dem Betrachter zur Verfügung stehen und sich dann automatisch löschen. Diese Grundidee begeistert bis heute viele Jugendliche.
  • Medium — ein Blogportal für Autoren, stellvertretend für tausende dieser Art im Internet, um Leser für ihre Geschichten zu erreichen, die verlagsunabhängig agieren.

Der erste Grund warum Menschen Inhalte einstellen, ist die Form des Selbstausdrucks. Es ist der Wunsch, sich individuell zu fühlen und einzigartige Erfahrungen zu sammeln. Die englische Bezeichnung „YOLO - You Only Live Once“ drückt dieses Gefühl gut aus und könnte als latente Hymne aller Abenteuer bezeichnet werden. Und wenn man nur einmal lebt, möchte man dann nicht dieses Leben besonders gestalten und die Eindrücke seinen Freunden, Kollegen und seiner Familie mitteilen? Dieses Urbedürfnis ist nicht neu, doch soziale Netzwerke ermöglichen einem genau das auf einfache Art. Das Teilen von Erlebtem, das Teilen von Wissen und das Teilen von Erfahrung. Facebook war das erste Netzwerk, das genau diese Psychologie des menschlichen Handelns erkannte und perfektionierte. Daher verwundert das schnelle Wachstum sozialer Netzwerke nicht.

Neben YOLO, was um das Jahr 2000 entstand, gibt es einen weiteren Ausdruck „FOMO“. FOMO steht für „Fear Of Missing Out“. FOMO ist quasi das Gegenstück zu YOLO. Während YOLO der Ausdruck für ein Leben auf hohem Niveau ist, ist FOMO die Angst, etwas verpassen zu können. FOMO fördert Zweifel und Ungewissheit. Typisch für Millennials. Um die Analogie zu erklären – wenn ich YOLO-Inhalte veröffentliche, erzeuge ich FOMO an anderer Stelle, um einem anderen die Chance zu YOLO zu ermöglichen, was wiederum beim nächsten FOMO erzeugt.
Auf den ersten Blick mag das verwirrend oder auch dumm erscheinen. Kratze ich aber ein wenig an der Oberfläche, dann erhalte ich schnell einen Einblick auf die menschliche Psyche. Kritiker könnten nun behaupten, dass mit dieser Verhaltenssteuerung Nutzer dazu angehalten werden, immer mehr und mehr erreichen zu wollen und der Drang der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken ungünstig gefördert werde. Antriebsfaktoren - wie Gier und Habgier - entstehen zusätzlich und sind Motoren, die das Wachstum sozialen Verhaltens in Netzwerken propagieren.

Im Allgemeinen unterscheiden sich hier die Netzwerke kaum. Wichtig ist der Blick auf die Details zur Unterscheidungskraft. Während Snapchat oder auch Instagram auf Kurzzeitaktivitäten setzen und Nutzer anhalten in Millisekunden Fotos und Videos zu herzen bzw. zu liken, versucht Facebook sich als Mutter aller Inhalte zu verkaufen, um die Vielfältigkeit darszustellen. Blogportale, wie z.B. Medium, sehen sich, was die Verweildauer angeht, in einem wertigeren Licht. Denn dort nehmen sich Leser bewusst Zeit, um Inhalte zu vertiefen. Und dennoch ist zu beobachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne junger Menschen immer mehr schwindet. Nachfolgende Grafik zeigt, dass die Fähigkeit der Aufmerksamkeit von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2015 beim Menschen geschrumpft ist. Zum Vergleich liegt die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches bei 9 Sekunden.

Quelle: Statistic Brain
Quelle: Statistic Brain

Darüber hinaus erwarten 47% der Verbraucher, dass sich eine Internetseite in weniger als 2 Sekunden aufzubauen hat. Dauert es länger, dann lassen sie eine Seite oder Information unbeachtet. Ganze „2 Sekunden“ können entscheidend sein, ob eine Botschaft ankommt oder nicht!
Nur ist diese Zielgruppe als Leserschaft dann noch interessant, wenn andere Portale vielleicht zwei oder drei Sekunden länger brauchen? Oder was nützen einem Leser, die es nicht mehr schaffen einen Artikel über 5, 10 oder 15 Minuten zu erfassen? Viele Blogportale sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Lesezeit in Minuten anzugeben. Somit findet eine Leserselektion statt. Die, die sich die Zeit zum Lesen eines Artikels nehmen, lesen ihn gewöhnlich mit voller Aufmerksamkeit. Auf einmal entsteht Qualität in der Artikelwahrnehmung. Und hier entwickelt sich ein neuer Trend des Netzwerkens. Denn nicht wenige Nutzer suchen sich Portale aus, die einem mehr Übersicht und Kontrolle verschaffen.

Es ist richtig, dass junge Leute der Quantität eher verfallen, als gereifte Anwender. Während Jugendliche mit ihren Gefällt-mir-Klicks im Dauer-Strommodus stehen, sind Erwachsene auf qualitative Inhalte aus und schnell verärgert, wenn sie inhaltslose Kommentare lesen müssen. Man muss kein Wissenschaftler sein, um diesen Frust zu verstehen.

Mein ältester Sohn ärgert sich hin und wieder, wenn ein von ihm auf Instagram gepostetes Bild in einer bestimmten Zeitspanne weniger Herzen bekam, als ein anderes. „Schau mal Papa, dieses Bild brauchte für 97 Herzen ganze drei Tage und das hier nur zwei Stunden“. Und schon interpretierte er für sich, dass das erste Bild einfach nicht gut genug gewesen sein konnte. Ich versuche ihm dann zu erklären, dass verschiedene Faktoren verantwortlich sein können, warum ein Bild weniger Klicks bekam, wie z.B., dass einige Anwender nicht der Information gefolgt sind, sich ein neues Foto anzusehen. Herzen bei Instagram sagen nur wenig über die Qualität eines Bildes aus. Und Forschungen geben einem recht, warum der Mensch sich von Quantität beeinflussen lässt. Das Geheimnis der Psychologie auf Facebook, Warum wir Social Media liken? oder Warum Leute Social-Media-Inhalte teilen? sind dazu lesenswerte Beiträge.

Menschen, die regelmäßig am Netzwerkgeschehen teilnehmen und Inhalte einstellen, prüfen auch regelmäßig, ob ihre Inhalte gelesen wurden. Ein Indikator dafür sind die Symbolangebote zur Interaktion zu einem Foto, Video und Text. Sie werden als Schulterklopfen, Lob und Anerkennung interpretiert. Ohne diese sogenannten Emoticons (emotionalen Symbolbilder) wären soziale Netzwerke weitaus weniger interessant.

In absehbarer Zukunft wird nicht zu erwarten sein, dass der Mensch weniger Inhalte in Netzwerke einstellen wird. Das Gegenteil ist zu befürchten. Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu schneller Internettechnologie. Daher hat Bildung die Aufgabe, qualifizierten Umgang des sozialen Netzwerkens zu trainieren und das Wissen zur Weiterbildung zu forcieren. Gerade jungen Menschen würde man damit eine wichtige Kompetenz mit auf den Weg geben.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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