Warum Lehrer mit BYOD in Schulen scheitern

Lesezeit: 11 Minuten

Bring Your Own Device oder kurz BYOD ist ein Schlagwort, womit sich Lehrer in Schulen gerne zeigen. Doch warum scheitern sie oft in der Umsetzung für einen erfolgreichen Unterricht?

Müssten Schulen nicht überaus glücklich sein, dass fast jeder Schüler über ein eigenes Smartphone verfügt? Warum also teure Geräte für den Schulunterricht anschaffen, die gewöhnlich durch Schulen sowieso nicht gewartet werden können, weil ihnen Knowhow und Gelder fehlen? Trotz der immensen Vorteile tun sich Schulen mit moderner Internettechnologie schwer. Besonders die Mobilität der Smartphones macht ihnen Angst, die für sie nur Aufmerksamkeitskiller sind. Schulen, die Handys schon komplett verboten haben, stehen vor einem Scherbenhaufen moderner Informationsbildung durch mobile Netzwerktechnologien.

Mobiles Netzwerken hat die Art und Weise, wie wir auf Informationen zugreifen und sie verarbeiten grundlegend verändert. Nicht mehr das Lehrbuch oder der Lehrer stehen im Mittelpunkt. Schüler und Studenten haben heutzutage Echtzeitzugriff auf Informationen mit einem Fingertipp. Dabei können sie die Wissensvermittlung des Lehrers unmittelbar prüfen und ihn ggf. korrigieren. Es ist verständlich, wenn sich manche Lehrkraft dadurch verunsichert fühlt und aus diesem Grund schon Abwehrreaktionen zeigt.

Doch das Argument der Ablenkung, durch mobile Endgeräte beim Lernen im Klassenraum, zieht nicht wirklich und ist nichts anderes als Angstmacherei aus Verunsicherung. Schüler haben zu meiner Zeit, wenn sie keine Lust auf Unterricht hatten, z.B. Schiffe versenken, Tic-Tac-Toe und Stadt-Land-Fluss gespielt oder Papierkügelchen durch die Gegend geschossen, Papierflieger gebaut und mit ihren Bleistiften Kämpfe ausgetragen.
Natürlich ist es richtig, dass ein Piepen, Brummen und Klingeln eines Smartphones stört und ablenkt – doch das kann man abstellen.

Digitale Endgeräte sind für den Schulunterricht eine Herausforderung, besonders für den Lehrer. Klassischer Frontalunterricht funktioniert nicht mehr, die Lehrkraft ist nicht mehr zentrale Figur des Geschehens und die Teamarbeit der Schüler ist nicht mehr vom Sitzplatz abhängig. Was sich früher in Schubladen denken ließ oder klare Grenzen kannte, verschwimmt heute vollkommen. Vielen Lehrkräften fehlt die Fähigkeit des vernetzten Denkens, was ihnen die Schüler durchaus voraus haben.

These: iPad-Klassen bilden nachhaltig 

Schulen sind stolz, wenn sie iPad-Klassen ihr Eigen nennen. Als Hauptargumente werden u.a. die hohe Verarbeitungsqualität der Geräte, deren leichte Administrierbarkeit und die Vielzahl an verfügbaren Lernapplikationen benannt. In Vergleichen mit anderen Smartpads, die Android als Betriebssystem haben, so die Argumentation der Schulen, seien wegen ihrer technischen Anfälligkeit nicht zu empfehlen. Diese Argumente ziehen aber nur, wenn man sich dem Glauben hingibt, dass das Arbeiten mit iPads einfacher und wertiger wäre. Aber ist es das auch?

In der Tat, ein iPad zeigt eine hohe Verarbeitungsqualität auf, doch ist z.B. ein Galaxy Smartpad für den Schulunterricht nicht schlechter. Schulen sollten ein großes Interesse an den Anschaffungskosten haben, besonders dann, wenn sie Schüler zur Anschaffung verpflichten wollen. Nicht jeder Familie ist es möglich, diese Kosten problemlos zu stemmen. Es ist schon interessant festzustellen, dass den Schulen oftmals die Ausstattung für die Schulfeste fehlen, beim Thema „Tablet-Unterricht“ hingegen mit dem Porsche strahlen und den Golf außer Acht lassen.

Ja, die Administrierbarkeit von iPads kann leichter sein. Bei Android-Geräten gestaltet es sich schwieriger. Doch, wenn durch BYOD die Schüler sowieso für ihre Geräte selbst verantwortlich sind, dann hilft hier auch die Fremdverwaltung nicht weiter. Und mal ehrlich, wer will, dass Schule auf seinem selbst erworbenen Gerät Daten ein- und ausliest?

Lernapplikationen sind besonders für Lehrer ein wichtiges Hauptargument, warum iPads die Ideallösung für den Schulunterricht seien. Die Krux daran – kostenlose Lernapplikationen sind oftmals nur in den Grundstufen kostenfrei und müssen für die weiterführende Nutzung gekauft werden. Neben den Kosten, die Familien für Schulbücher bereits zu meistern haben, sollten weitere Kosten vermieden werden.

These: Verlage müssen interaktive Materialien bereitstellen 

Was war der Unterricht noch Wert, als Lehrkräfte sich tatsächlich die Mühe machten, ihren Unterricht für jede Stunde selbst zu planen? Heute übernehmen Schulbuchverlage die Hauptarbeit. Natürlich arbeiten Lehrer auch noch nach der Schule zu Hause und bereiten sich auf ihren Unterricht für den nächsten Tag vor. Doch wie groß ist der reelle Anteil an der Eigenleistung? Ist es nicht eher so, dass Schulbücher und vorgegebene Prüfungsheftchen die Arbeit des Lehrers erheblich vereinfachten und Lehrkräfte sich genau daran gewöhnt haben, stets mit neuen Ideen und Inhalten fremd-gefüttert zu werden? Aber was bewirkt das im Endeffekt beim Lehrer? Werden seine Handlungen noch immer vollkommen frei bestimmt oder ist er schon zur Marionette Dritter geworden?

Ja, es gibt viele gute und engagierte Lehrer, die stellenweise idealistisch agieren und versuchen, sich vom System „Schule“ möglichst wenig vereinnahmen zu lassen. Doch warum ist das deutsche Bildungssystem ungebrochen langsam, kaum experimentierfreudig und starr in seinen Grundzügen? Sind ausschließlich die Personen verantwortlich, die das System verwalten oder nutzen Lehrkräfte ihre pädagogische Freiheit nur unzureichend aus? Und wer hat dabei wen im Fokus?

Seit 13 Jahren beobachte ich Schulen in Deutschland – als Familienvater und Lehrkräftefortbilder. Letzteres zähle ich seit Ende 2012 zu meinen Aufgaben und seit 2015 begeistert mich die internationale Schulbildung. Dabei ist mir eines besonders aufgefallen. Schulen, die sehr offen und transparent agieren sind die, die ein fantastisches Kollegium um sich scharen und hoch motivierte Kräfte ihr Eigen nennen. Lehrer an diesen Schulen haben nämlich nicht die Aufgabe, Probleme zu verwalten sondern sie zu lösen. Lösungen zu Gunsten der Schüler. Der Bildungsplan richtet sich nicht an den Schulmaterialien eines Verlages aus, sondern an den Bedürfnissen des Individuums. Hat beispielsweise ein Schulbuchverlag nicht das an Material im Programm, was Schule benötigt, dann ist es der falsche Lieferant. Lehrer erarbeiten sich durchaus immer wieder Alternativen. Dank des Aufbaus eines schuleigenen sozialen Netzwerks, tauschen sie sich regelmäßig untereinander aus. Die Gestaltung ist bewusst dem von Facebook nachempfunden. Themen und Vorgehensweisen besprechen sie in Chats, Foren und Gruppen. Sie hospitieren im Unterricht der Kollegen, beobachten und lernen dazu. Sie wollen nah an den Schülern sein, nah an den Möglichkeiten sich selbst zu verbessern.

Das bedeutet Mühe, Fleiß und Zeit. Und wer ist heute noch bereit, sich bis spät in die Nacht mit Schule zu beschäftigen? Ja, die Belastung der Lehrer hat zugenommen. So existiert z.B. bei Schulleitern noch immer die Unterrichtspflicht, obwohl Schul- und Unterrichtsführung sich schwer vereinbaren lassen, besonders dann, wenn Schulleiter innovativ eine Schule gestalten sollen.

Erfolg mit BYOD – S.T.O.L.Z. 

Mancher Schule fehlt einfach nur S.T.O.L.Z., um BringYourOwnDevice-Unterricht erfolgreich in den Schulklassen umzusetzen. S.T.O.L.Z. ist das Konzept, das in Zusammenarbeit mit deutsch-brasilianischen Schulen und dem Projekt der Schule als Social Network realisiert wurde.

S — SchulnetzwerkT — TeamO — OpenSourceL — LeitlinieZ — Zweck
Beim Einsatz von BYOD wird immer mit dem schuleigenen Netzwerk als WiFi gearbeitet.
Die Klasse stellt eine Gemeinschaft dar und agiert als Team. Alle Schüler verhalten sich online verantwortungsbewusst.
Lehrkräfte setzen OpenSource Software ein, um primär den Einfluss des Kommerz auf die Bildung zu unterbinden und sekundär, um Kosten zu sparen.
Schüler folgen der Leitlinie im Gebrauch von mobilen Endgeräten, die sie selbst erarbeitet haben.
Der Zweck des Einsatzes mobiler Endgeräte erfolgt stets unter pädagogischen Gesichtspunkten, die im Verantwortungsbereich des Lehrers liegen.

Bevorzugte Geräte
Natürlich können Lehrkräfte Empfehlungen für Smartphones oder Smartpads ausgeben, sofern noch keine Geräte flächendeckend vorhanden sein sollten. Vermutlich wird das weniger der Fall sein, weil Schüler heutzutage über eine sehr gute Ausstattung verfügen. Nennen Schüler statt eines Tablets vielleicht einen Laptop oder Notebook ihr Eigen, so sollte dies ebenso zum Einsatz kommen können. Lehren obliegt die Aufgabe, möglichst browserbasierte Lernsoftware einzusetzen, um mit allen Geräten arbeiten zu können, die über eine Browserschnittstelle verfügen. Die Kompatibilität zu den fünf wichtigsten Browsern ist sicherzustellen (Firefox, Chrome, Safari, Internet Explorer/Edge, Opera). Auf Applikationen sollte dann verzichtet werden, wenn sie nicht für alle Betriebssysteme (Android, iOS, Windows), die in der Klasse zum Einsatz kommen, erhältlich sind bzw. zusätzliche Kosten für die Schüler verursachen.

Klassenführung bei BYOD-Einsatz
Lehrer sollten mit Ihren Schülern ein klare Signalsprache vereinbaren, die sie in ihrer Leitlinie festhalten. „Geräte dunkel“ signalisiert beispielsweise, dass der Bildschirm von Smartphones ausgeschaltet oder mit der Sichtseite nach unten abgelegt bzw. der Laptop-Bildschirm zugeklappt wird. „Blick Board“ oder „Blick Tafel“ kennzeichnet die Sichtweise nach vorne, weil etwas präsentiert oder vorgestellt wird und die Aufmerksamkeit aller erfordert. „Forschung (Name)“ kennzeichnet eine Rechercheausführung, wobei (Name) für einen Platzhalter steht, den die Lehrkraft mit einer Aufgabe füllt. Schüler sind sehr kreativ, wenn sie ihre eigene Kommandosprache erarbeiten sollen.
Ist seitens des Lehrers das Monitoring der Schüleraktivitäten mit ihren Geräten gewünscht, dann sind dazu unterschiedliche Softwarelösungen erhältlich, die vor Einsatz auf Nutzbarkeit zu testen sind. Anderseits sei daran erinnert, dass Schüler erfahren sollen, was „Vertrauen“ bedeutet und wie wichtig das „Gemeinsame“ ist. Je früher Schüler beim BYOD-Einsatz mit in den Lernprozess eingebunden werden, desto unwahrscheinlicher ist deren Drang sich fachfremd beschäftigen zu wollen. Haben Lehrkräfte mit ihren Schülern einen „Was passiert wenn?“-Tadelkatalog erarbeitet, so kann danach verfahren werden. Aus pädagogischer Sicht ist der Fokus auf ein freundliches Lernklima auszurichten. Es gibt immer mal Tage, an denen Schüler sich einfach unwohl fühlen. Störenfrieden sind klare Grenzen zu setzen.

Plan B im Gebäck nimmt den Schreck
Fällt das Schulnetzwerk aus, dann nutzt die beste Unterrichtsplanung nichts, wenn man sich für eine analoge Alternative nicht vorbereitet hatte. Oder sollte ein Schüler mal sein Gerät vergessen haben, so hilft es ihm auch nicht weiter deshalb abgestraft zu werden. Technische Verbindungsprobleme mit dem schuleigenen WiFi sind mit die häufigste Ursache, warum BYOD-Unterricht ausgebremst wird. Deshalb sollte man immer für einen Schulunterricht ohne Technik vorbereitet sein.

Vorbild für digitales Handeln
Der Einsatz von digitalen Aktivitäten und Lektionen möge immer zielgerichtet sein, d.h. der Lehrer sollte wissen, wohin die von ihm gestellten Aufgaben führen. Interaktive und schnell zugängliche Webdienste helfen, die Wartezeit bei der Ausführung zu verkürzen. Der Lehrkraft kommt die Rolle zu, Schülern in ihren Lernprozessen zu stärken und nicht ihnen ihre Schwächen aufzuzeigen. Erworbenes Fachwissen wird gerne weitergegeben.

BYOD-Verständnis
Lehrer die BYOD in ihren Unterricht einführen, sollten dies nicht als eine Einzelaktion verstehen, sondern als einen Entwicklungsprozess. „Mobile engagement“ erfordert kontinuierliches Arbeiten, da der Prozess fließend verläuft. Ein Smartphone ist kein Fremdkörper, es ist ein Arbeitsgerät wie ein Taschenrechner oder eine Formelsammlung auch. Maßgeblich hängt der Erfolg des BOYD-Ensatzes vom Willen des Lehrers ab, ob er a) die digitalen Bedürfnisse und Herausforderungen seiner Schüler kennt und versteht und b) ob er bereit ist neben seinen Schülern hinzulernen zu wollen.

Was sind Ihre Erfahrungen mit BringYourOwnDevice in Schulen? Schreiben Sie dazu Ihren Kommentar unterhalb!

Ähnliche Beiträge:

Empfehlen0 EmpfehlungenVeröffentlicht in Bildung
Netzwerke

Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach deutschen und europäischen Datenschutzrichtlinien
Lebt seit 2015 in Rio de Janeiro
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
Netzwerke

Letzte Artikel von Thorsten Wollenhöfer

Hinterlassen Sie einen Kommentar

4 Kommentare auf "Warum Lehrer mit BYOD in Schulen scheitern"

Benachrichtigen Sie mich zu:
avatar
Sortiert nach:   Neuste | Älteste | beste Bewertung
Gunnar Klinge
Gast
Gunnar Klinge

Ein interessanter Beitrag, der aber m.E. Nicht ganz die Schulrealität widerspiegelt. Ein, wenn nicht der entscheidende Faktor ist, dass die Fachlehrer selbst mit entsprechenden Geräten arbeiten und unterrichten müssen. Erst dann funktioniert es. Meine Empfehlung ist, gib jedem Fachlehree das Gerät für ein Jahr in die Hand, verpflichte ihn, ein Jahr lang alles damit auszuprobieren, evaluiere das und dann leg los mit BYOD.

Berg
Gast

Schulen, die Handys schon komplett verboten haben, stehen vor einem Scherbenhaufen moderner Informationsbildung durch mobile Netzwerktechnologien.
Das ist eine Behauptung. Auf welchen Untersuchungen beruht sie? Bei uns sind Handys verboten. Wir haben aber 4 Laptopklasssen und ein funktionierendes Netzwerk . . .Und wir sind in der Lage unser System zu warten.

wpDiscuz