Tragen Schulen Mitverantwortung am Facebook-Skandal?

Lesezeit: 7 Minuten

Es zeichnet sich möglicherweise die größte Krise bei Facebook ab, seit dem bekanntgeworden ist, dass das Unternehmen Cambridge Analytica gut 50 Millionen Nutzerdaten von Facebook abgegriffen haben soll.

Abgreifen wird im Duden u.a. mit ohne Skrupel nehmen aber auch mit sich bedenkenlos geben lassen umschrieben. Es ist verständlich, dass Facebook versucht den Datenskandal als „unberechtigt“ bzw. „nicht autorisiert“ darzustellen und Cambridge Analytica als den Bösewicht abstempelt. Es sind aber die Strukturen von Facebook, die es überhaupt erst möglich machen, Daten abzuschöpfen. Deshalb passt die Definition des Begriffs „abgreifen“ sehr gut zu „sich bedenkenlos geben lassen“.

Wer über persönlichste Daten von 2,13 Milliarden (= 2.130.000.000) Menschen verfügt, von denen sich im Dezember 20171 täglich (!) 1,4 Mrd Menschen in Facebook einloggten, der hat ein Machtinstrument in der Hand, um Meinungsbildung zu steuern. Diese Macht ist für Werbetreibende hochinteressant, u.a., weil es möglich scheint, so die aktuellen Berichte zu Cambridge Analytica, Einfluss auf Wahlentscheidungen der Länder weltweit zu nehmen.

Um professionell an Facebook-Daten heranzukommen, bedarf es guter Programmierkenntnisse. Im Fall Campridge Analytica wurde eine Applikation für Anwender entwickelt, die den schönen  Namen „ThisIsYourDigitalLife“ trug und in der Kategorie der Persönlichkeitstests zu finden ist. Um eine solche Applikation nutzen zu können, ist die Freigabe verschiedenster Zugriffe auf persönliche Daten eines Facebook-Nutzers erforderlich. Die Neugierde eines Anwenders, nämlich mehr über sein virtuelles Leben zu erfahren, schwächt den Verstand über mögliche Auswirkungen eines Schadens, weil er sich stets im Glauben sieht, es gehe ausschließlich um seine Person. Die Krux an solchen Mustern ist, bzw. speziell an der betroffenen Applikation war, sie haben nicht nur Zugriff auf Daten der am Test teilnehmenden Person, sondern oftmals auch auf die Beziehungsmuster aller Facebook-Freunde. Wie im aktuellen Fall bekannt, gab es 270.000 App-Downloads und 50 Mio abgegriffene Personeninformationen, aus denen sich ein Freundeskreis von durchschnittlich 185 Menschen pro Anwender errechnen lässt.  Der eigentliche Skandal ist nicht unbedingt das Abgreifen von Informationen einer teilnehmenden Person, sondern das Abgreifen von Datenmengen unbehelligter Menschen, die mit der Handlung der Bezugsperson nichts zu tun haben.  Der Skandal erreicht ein Schadensmaß, das sich gegenwärtig nicht beziffern lässt, weil nicht bekannt ist, was mit den abgegriffenen Daten weiter passierte. Wurden sie vernichtet oder verkauft, vielleicht sogar schon anderswo eingesetzt?

Ist eine Mitverantwortung der Schulen am Facebook-Leak denkbar? Mit Sicherheit nicht, wenn man die kriminelle Handlung eines Unternehmens bzw. die Möglichkeit des Datenmissbrauchs im Facebook-System betrachtet. Schaut man sich die Eigentümer von Facebook an, so sind nicht nur Facebook-Mitarbeiter als Anteilseigner zu finden, sondern auch Investment- und Venture-Capital-Unternehmen, wie Goldman Sachs oder Meritech Capital. Um ein Gespür dafür zu bekommen, wie Investmentbanking funktioniert bzw. welches Klima und welche Strukturen dort vorherrschen, der sollte sich die Erfolgsserie Bad Banks des ZDFs ansehen. Um es deutlich zu sagen, Facebook ist eine Datenkrake, die ausschließlich die Gewinnoptimierung durch das Abschöpfen von Persönlichkeitsprofilen im Fokus hat, um das Individuum zu manipulieren. Das wirkliche Gesicht Facebooks ist für Otto-Normal-Verbraucher nun sichtbar geworden und es zeigt sich arg entstellt.

Dass, was aber nicht minder erschreckend ist, ist die Vernachlässigung digitaler Bildung in den vergangenen 12 Jahren in Deutschland. Der Dampfer „Bildung. Digital. Deutschland.“ kam zu keinem Zeitpunkt in Fahrt. Er fuhr mit zu geringer Leistung, falschem Treibstoff und ist nicht wendig genug. Dem Zuwachs des Netzwerk-Giganten Facebook konnte man nicht die Stirn bieten, obwohl im analogen Bildungsnetz alle Voraussetzungen vorhanden sind, um daraus ein Digitalnetz mit sozialer Verantwortung zu gestalten. Die in der Vergangenheit durchgeführten Maßnahmen, wie vereinzelte Aufklärung an Schulen über die Gefahren des sozialen Netzwerkens, trugen zu keiner Besserung bei. Vielfach wurde es verpasst, die Chancen des Netzwerkens herauszuarbeiten und den guten Umgangston in virtuellen Welten zu trainieren. Somit musste einem klar sein, dass man mit der Halbherzigkeit keinen Blumentopf gewinnt. Neben der Misere des verpatzten Handelns, gesellte sich der Mangel an Lehrkräften in allen Jahrgangsstufen dazu. Die in Kürze europaweit wirksam werdende Datenschutz-Grundverordnung, wird Schulen weitere Steine mit auf den Weg der Digitalisierung geben. Wen wundert es, wenn dadurch der Blick auf die wirklichen Bedürfnisse einer Gesellschaft verloren gehen?

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt massivst und wird das deutsche Schulsystem obsolet machen, wenn gleiche Politik betrieben wird, wie in den vergangenen 12 Jahren. Der Fall Cambridge Analytica war erst der Anfang. Die Diskussion um neue Gesetzte und Verbote werden alleine nicht reichen. Es ist Mitgestaltung und Vorbildfunktion gefragt. Und Schulen haben sich den Herausforderungen zu stellen. Denn wer ist näher an den jungen Menschen dran als Schulen?

1Quelle: Facebook Stats December 2017 (https://newsroom.fb.com/company-info/)

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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