Studie: Kinder in Schulen – eine Generation die ermüdet

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Mit Sicherheit gibt es viele Dinge, die Erwachsene über Jugendliche erzählen können. Die größte Übereinstimmung dürften Eltern darin haben, dass heutige Schüler eine müde Generation sind. Selten wurden sie so stark vom System Schule gefordert und dass weltweit.

Internationale deutsche Schulen in Brasilien beispielsweise fordern Kinder in der Grundschule mit 30 Wochenstunden, ab der fünften Klasse mit 35 Wochenstunden, ab Klasse 10 mit beachtlichen 44 und in der Qualifikationsphase sogar mit 46 Wochenstunden. Schulen werden im Zwei- oder Drei-Schichtbetrieb geführt, die erste Schicht beginnt um 7:15 Uhr.

„Schulen, die Kinder vor 8:30 Uhr antreten lassen, schaden ihrer Persönlichkeitsentwicklung.“

Die amerikanischen Gesundheitsorganisationen AMA, AAP und CDC sind sich darin einig, dass der Beginn eines späteren Schulunterrichts vorteilhaft für Schulkinder ist. Zu den Vorteilen zählen bspw. ein besseres persönliches Wohlbefinden, das Körpergewicht eingeschlossen, eine Verbesserung der eigenen Stimmung, Steigerung der Motivation und Nachlassen der Risikobereitschaft.

Nun hat die Washington Post in einem Artikel berichtet, dass einer Studie zufolge ein weiterer Vorteil besteht, der durch die RAND Corporation entdeckt wurde: Würden die Schulen die Jugendlichen länger schlafen lassen, dann würde das den USA jährlich 9 Milliarden US-Dollar einsparen. Der Autor der Washington Post schreibt:

Der ökonomische Nutzen kommt in erster Linie aus zwei Quellen:
a) einer stärkeren akademischeren Leistung (somit Lebenszeiteinkommen) unter den ausgeruhteren Studenten und
b) einer geringeren Anzahl von Autounfällen, die von jungen Autofahrern mangels Schlaf verursacht werden.
Christopher Ingraham

Was sind die Kernerkenntnisse der RAND Corporation Forschung?

Die Studie legt nahe, dass ein Hinauszögern des Beginns der Unterrichtszeit bis 08:30 Uhr für die Bevölkerung eine kostengünstige Strategie darstellt, die einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit und die amerikanische Wirtschaft haben könnte. Weiter deutet die Studie an, dass die Vorteile eines späteren Beginns die unmittelbaren Kosten sogar übertreffen und schon nach zwei Jahren einen wirtschaftlichen Gewinn von 8,6 Milliarden US-Dollar für die USA bedeuten würden. Nach einem Jahrzehnt, so besagt es die Studie, trägt ein verspäteter Unterrichtsbeginn mit 83 Milliarden US-Dollar zur Wirtschaft positiv bei und nach 15 Jahren sogar mit 140 Milliarden. Während dieses 15-jährigen Zeitraumes, der in der Studie untersucht wurde, beträgt der jährliche Gewinn sage und schreibe 9,3 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Die Untersuchung verfolgte einen konservativen Ansatz, um die Kosten-Nutzen-Projektion zu ermitteln und schloss Effekte des unzureichenden Schlafs, wie höhere Selbstmordraten, steigende Fettleibigkeit und psychische Gesundheitsprobleme aus. Daher sehen die Forscher es als wahrscheinlich an, dass der tatsächliche wirtschaftliche Nutzen in einigen US-Bundesstaaten noch höher liegen dürfte, wenn Schulen den Beginn ihrer Unterrichtszeit deutlich hinauszögern. Weiter berücksichtigt die Studie auch Erkenntnisse über den Einsatz von mehr Bussen, Busfahrern und der Beleuchtung von Sportanlagen. Eine optimierte Nutzung trägt zum wirtschaftlichen Erfolg positiv bei.

In jüngster Zeit sind schon einige Lehrer der Bedeutung des Schlafs nachgegangen. So haben Lehrkräfte des Liverpool Central School Districts im Norden Syracuses des Bundesstaats New Yorks, sich dem Schlaf in einem Projekt angenommen. Die folgende Videos in englischer Sprache demonstrieren einen überzeugenden Fall, was fehlender Schlaf für Schüler bedeutet.


Wie gestaltet sich der Schulalltag unserer Kinder heute?

Berufstätige Eltern stehen gegen 05:45 Uhr morgens auf, machen sich für die Arbeit fertig, bereiten das Frühstück ihrer Kinder vor, helfen ihnen ggf. beim Anziehen oder überprüfen noch einmal die Schultasche, ob nichts für den Unterricht vergessen wurde. Die Fahrt zur Arbeit dauert für sie im Schnitt 35 Minuten, der Schulbus der Kinder kommt bereits um 07:15 Uhr an, Unterrichtsbeginn ist gegen 07.50 Uhr. Bis 13:30 Uhr sind die Kinder in der Schule, bei Nachmittagsunterricht deutlich länger. Ein Elternteil arbeitet oftmals halbtags, um die Kinder nach der Schule mit dem Mittagessen zu versorgen. Je nach Terminplan stehen dann für die Kinder unterschiedliche Freizeitaktivitäten an, natürlich erst, wenn die Hausaufgaben gemacht wurden. Ein Tagesablauf, der sich von montags bis freitags wiederholt und dem Rhythmus der Arbeitswelt angepasst ist.

Geht es einem Kind mit 40 Minuten mehr Schlaf nun besser?

Es sei daran erinnert, dass die Anforderungen in den Schulen stetig steigen. Was in der Grundschule anfangs beschaulich und stressfrei wirkte, endete in der Sekundarstufe teilweise in einer Wut der Wissensvermittlung schonungsloser Quantität. Das G8-System in Deutschland hinterließ bei einer großen Zahl der Schüler und Eltern ein Bild der Zerstörung von Kinderseelen und das Züchten von jungen Erwachsenen. Nach 10 Jahren versuchte die Bildungspolitik wieder in das alte System zurückzukehren. Das Ergebnis vergangener Bildungsmaßnahmen zeigte sich beispielsweise in Hamburg in einer Neubewertung der Abitursnoten, und dass auf Anordnung des Schulsenatos Ties Rabe.

Schulkindern wurde im Zuge deutscher Bildungspolitik immer mehr Schlaf genommen. Und wie man aus obiger Studie erfährt, machten es viele Ländern genauso schlecht. Man ist von der Quantität des Wirtschaftens geleitet worden und hat dabei jegliche Qualität aus den Augen verloren. Der ursprüngliche Gedanke, nämlich der Wirtschaft etwas Gutes zu tun, um den Menschen der Arbeitswelt früher zuzuführen, ist gänzlich gescheitert. Und wie man nun wissenschaftlich belegte, entstand dadurch ein Schaden, der sich berechnen ließ.

Durch den konsequent antrainierten Schlafentzug der Kinder, hat sich ihr Schulalltag erheblich verlängert. All die Informationen, die auf sie einschlagen, gekoppelt mit permanenten Prüfungssituationen und der schnelleren Nahrungsaufnahme in kurzen Zeitabständen, machte die Jugendlichen zu einer immer müderen Generation. Ein schleichender Prozess, der sich unter anderem in einer stark fluktuierenden Graduierung akademischer Grade zeigte. Nicht die Schüler und Studenten wurden in den Jahren leistungsfähiger, nein, die Vielfalt der Auszeichnungen wurden fantasievoller und dem schwachen Bildungsstand der Heranwachsenden angepasst.

Ja, Schulkinder und Studenten brauchen wieder deutlich mehr Schlaf, um sich erholen zu können. Der Tag hat nach wie vor 24 Stunden. Der Optimierungsgrad des Menschen hat seinen Zenit erreicht. Schulen können aktiv dazu beitragen, die Qualität zu steigern. Voraussetzung dafür ist eine Entschlackung der Masse an Wissensvermittlung um 50% und gleichzeitiger Steigerung der Bewegungskultur und der Kunst um 30%. Die verbleibenden 20% sollten Schulen für eine gesunde Ernährung und Ruhezeiten der Schüler verwenden.

Bildquelle Titelfoto: Freepik

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
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Lebt seit 2015 in Rio de Janeiro
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