Schulen sind mächtiger als Facebook. Sie wissen es nur nicht.

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Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und sie wird weiter zunehmen, stärker als es manchem lieb ist. Das Einzige, was derzeit das Fortschreiten behindert, ist der ungenügende technische Ausbau digitaler Netze. Anwender würden noch intensiver online sein, wenn ihre Datenmobiliät dies zuließe und Unternehmen hierzulande sie nicht mit Downloadvolumina begrenzen würde; denn besonders teuer ist mobiles Internet in Deutschland.

Mancher Pädagoge freue sich darüber und steuere ein „gut so“ bei. Dies zeige aber auch, dass dieser nicht verstanden hat, dass ein anfänglicher quantitativer Nutzen sehr schnell einem qualitativem weichen würde, weil der Anwender ja jederzeit auf genügend Informationen zugreifen könne, wenn er denn nur wolle. Die Aufhebung von Begrenzungen führt nicht zwangsläufig zu mehr Konsum, sondern zu filtriertem Nutzerverhalten.

Jede Begrenzung unterliegt einer Kontrolle mit fehlender Transparenz

Natürlich ist es transparent, wenn ein Anbieter einem durch seine Applikation den Verbrauch von genutzten Dateneinheiten anzeigt, doch woher weiß er, dass tatsächlich die kleinste Einheit von ihm selbst verbraucht wurde und nicht durch fremde mitbenutzt? Er kann es nicht wissen und nicht wirklich kontrollieren. Worauf will ich hinaus? Stets ist man auf Dinge angewiesen, die andere einem zur Verfügung stellen bzw. verkaufen, im Vertrauen darauf, dass man offen, ehrlich und fair mit einem umgeht. Was aber der Bruch eines solchen Miteinanders zur Folge haben kann, ist beispielhaft am Dieselskandal von Volkswagen erzählt.

Was können Verbraucher und Schulen tun?

Menschen fühlen sich hilflos, wenn sie nicht angemessen reagieren können. Schulen sind zurückhaltend, weil sie eine öffentliche Aufgabe in der Gesellschaft zu erfüllen haben. Unterstelle man ihnen dazu, dass sie weitaus mehr Macht als Facebook haben, dann erntet man nur Kopfschütteln: „Wie soll ein Bildungssystem sich gegen einen Riesen des sozialen Netzwerkens zur Wehr setzen können?“

Ich erinnere mich an ein Wortspiel aus meiner Schulzeit: „Wissen ist Macht“ bzw. „nichts wissen macht auch nichts“. Wer, wenn nicht die Schulen und Universitäten verfügen über das größte Wissenspotential? Also, warum dieses nicht nutzen? Das Potential ist für alle sichtbar und dennoch kommt es einem vor, als sehe man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schulen könnten von jetzt auf gleich ihre Schüler in allen Jahrgangsstufen schrittweise an die Digitalisierung heranführen und durch ihr eigenes Schulnetzwerk aufzeigen, was „soziales Netzwerken“ wirklich bedeutet und dem „Social Network“ die soziale Komponente hinzufügen, die es im Amerikanischen gar nicht gibt. Denn das Wort „social“ beschreibt das „Gesellschaftliche“ und nicht das „Soziale“, wie es immer wieder fälschlicherweise interpretiert wird.

Es genügt nicht mehr zu lamentieren, es gilt zu handeln. Nicht nur in militärischen Fragen ist auf die USA kein Verlass mehr, auch in digitalen Fragen muss sich Europa - allen voran Deutschland - neu aufstellen. Erst kürzlich ist die Netzneutralität in den USA aufgehoben worden. Die Folgen dessen sind noch gar nicht absehbar, doch dürfte zu erwarten sein, dass die Kontrolle und Steuerung des Weltbürgers durch eine kleine Anzahl Mächtiger weiter voran schreiten wird. Nicht nur die Wirtschaft dürfte leiden, vor allem die Privatsphäre eines Jeden werde gefährdeter denn je. Und genau hier ist es Aufgabe der Schulen, nicht nur zu sensibilisieren, sondern sich klar zu positionieren und mit eigenen Netzwerken einen Gegenpol zu schaffen, sich mit anderen Schulen zu vereinen, auszutauschen und in ihrer Vorbildfunktion die Etikette des richtigen Umgangs mit und in sozialen Netzwerken zu lehren.

Das Bitcoin-Prinzip sollte Schulen ein Vorbild sein

Jeder hat von ihr gehört, der digitalen Währung Bitcoin. Was auch immer man darüber weiß, eines sollte man sich ansehen: das Bitcoin-Prinzip und was die Erfinder sich dabei dachten. Die, die den Bitcoin programmiert haben, hegten zunächst großes Misstrauen gegenüber allen Banken. Wurde diese Währung doch im Jahr 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise geschaffen. Hinter dieser Technologie stecken ungeheure Möglichkeiten, die ein großes Stück mehr Gerechtigkeit und Transparenz der Gesellschaft zurückgeben können.

Dabei sollte einen weniger die Wertentwicklung des Bitcoins an der Börse interessieren, sondern eher, was eine digitale Währung bedeuten kann. Digitales Geld wird nicht mehr von Banken oder Finanzinstituten verwaltet, sondern ausschließlich dezentral in einer Datenbank, die durch tausende Computer und deren Nutzer (verschlüsselt) selbst kontrolliert werden und sich somit z.B. den Einflüssen von Regierungen entziehen. Bei digitalen Währungen ist es nämlich nicht möglich, dass ein Politiker den Geldhahn aufdreht und für eine digitale Inflation sorgt. Der Geldfluss wird durch die Nutzer autark überwacht. Jegliche Manipulation würde sofort erkannt werden und wäre deshalb sinnlos. Im Bitcoin-System werden alle Transaktionen automatisch und tausendfach gegengeprüft. Gelingt es einem Nutzer seine Datenbank zu verändern, so würde ein Abgleich mit den Datenbankkopien sofort die Veränderung entlarven. Da der Bitcoin-Algorithmus eine Manipulation nicht zulässt, ist er durch fremde Einflussnahme geschützt. Es ist quasi ein System, dass keinem Anwender vertraut oder anders gesprochen, die Transparenz als Kontrollmechanismus voraussetzt.
Wegen der ungeteilten Transparenz ist es beispielsweise korrupten Regierungen schwerer möglich auf die Entwicklung ihres Landes negativ Einfluss zu nehmen. Denn gibt es erst einmal ein unabhängiges, öffentliches und transparentes Register, so ließen sich neben Geldtransfers auch ganz andere Dinge abspeichern. Neben Ländereien könnte man genauso Immobilien festhalten, was ein lokales Katasteramt überflüssig mache. Die Einflussnahme an veränderten Einträgen eines Grundbuchs, beispielhaft durch korrupte Beamte, wäre nicht mehr möglich.

Bezogen auf das deutsche Schulsystem, könnte ein soziales Schulnetzwerk die Transparenz nach allen Seiten öffnen und technisch mit der Rechenpower der von Facebook mithalten. Denn die Nutzerzahl in lokalen Regionen benötige weitaus weniger Rechenleistung, weshalb für den Austausch von Informationen mit externen Systemen mehr Leistung zur Verfügung stünde. Und da jedes soziale Schulnetzwerk mit dem anderen verbunden wäre, behielte jedes System die Kontrolle über sich selbst, doch nie über das andere System.

Die ungenügende Datensicherheit von Facebook, die Schulen gar nicht mögen, wäre genauso gebannt, wie die Einflussnahme auf die persönliche Meinungsbildung. Denn Facebook verhält sich nicht neutral, was die Verteilung von Informationen angeht. Facebook ließt gezielt das Verhalten seiner Nutzers aus, um diese letztlich mit Werbung zu versorgen. Dabei werden alle Texte, seien sie getippt, gespeichert, gelöscht oder nur gedacht, anhand möglicher Gefühlsregungen analysiert, verarbeitet und zur anschließenden Beeinflussung gegenüber dem Anwender benutzt. Man kann durchaus von einer modernen Form der Gehirnwäsche sprechen. Mit dem Bitcoin-Prinzip würden Schulen ihrem Bildungsauftrag in der Vermittlung von  Medienkompetenz und Medienmündigkeit nicht nur in vollem Umfang nachkommen, sie würden auch den Gefahren auf sozialen Netzwerken den Wind aus den Segeln nehmen.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach deutschen und europäischen Datenschutzrichtlinien
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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dietmarSusanne CsarFranz Josef Neffe Letzte Kommentarautoren
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Franz Josef Neffe
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Schulen sind Häuser.
Mächtig ist, wer Machen versteht.

Susanne Csar
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?..wer hat sich das wohl erdacht? ..ein wesentliches Problem war doch eher das verkrustete, katholisch geformte System seit JesuitenZeiten. die Nachkommenschaft sollten doch unterwürfige, genormte Schäfchen sein. sogar Linkshänder auf rechts gequält. die konnten dadurch nie mehr ein Musikinstrument erlernen. schön langsam durch viel Mühe auch lieber LehrerInnen kann sich’s ändern. ohne religiöse Verprägung die Gehirnhälften wieder synchron arbeiten dürfen, die Epiphysen nicht mehr verkümmern. die Kundalini wieder erwachen darf.. anstatt weiter diese dämliche Geschichte der Schlange mit Eva im Paradies.??.

dietmar
Gast
dietmar

So ein ungriffiges Gefasel bringt auch gar nichts auf den Punkt. Interessanter Ansatzt seine eigenen Gedanken zu sortieren. Weiter so, tolles Manuskript.