Ein iPad unterrichtet Kinder nicht

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Seit dem die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in den Schulen angekommen ist, hat man sich wieder verstärkt mit dem Thema der Digitalisierung auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang springen Schulen nach und nach auf den Zug auf, dass die Digitalisierung mit einem iPad beginnen müsse und der Unterricht dann wie von selbst laufe.
So tappen Schulen in die Falle der Referenten, die auf inszenierten Medienevents ihr „Können“ an iPads zeigen und zugleich von den vielen Möglichkeiten schwärmen, die Schulen mit diesem Gerät haben werden. Was als Argument in diesen Vorstellungen nie fehlen darf, ist die Bedeutung der leichten Administrierbarkeit, ein Markt, der ausschließlich von Apple beansprucht werde, so die Referenten. Keine Schule könne weitere Verwaltungsaufgaben gebrauchen, so der Tenor. 
Fragt man nach der Veranstaltung die Teilnehmer, was denn an möglichen Alternativen zur Digitalisierung sinnvoll sein könnte, kommt die Antwort, iPads seien alternativlos für Schulen und müssen deshalb eingesetzt werden. Können sich Unternehmen ein besseres „Product Placement“ vorstellen?

Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin Fan von Apple-Produkten und habe enormen Spaß an iPhones und iPads. Und auch meine Familie nutzt diese Produkte. Wir haben aber auch Alternativen im Einsatz, wie verschiedene Huawei-Produkte, Geräte aus dem Hause Samsung oder HP-Tablets, die vermutlich kaum einer kennt. Im Ergebnis geht es eigentlich nur um zwei Betriebssysteme, mit denen man es zu tun hat: iOS und Android.

Das für mich erschreckende an den inszenierten Apple-Schulevents ist die Verletzung der Neutralitätspflicht der Schulen, die sich von ihnen instrumentalisieren lassen. Besonders schlimm sind die Referenten, die im staatlichen Schuldienst als Medienbeauftragte arbeiten, nicht selten verbeamte Lehrkräfte sind und mit ihren Veranstaltungen den Schulen ganze Servicepakete aus einer Hand anbieten. Das, was sie dabei verschweigen ist das „Abkassieren“ im Hintergrund. Ein für Schulen wichtiges Kaufargument ist die Anschaffungsmöglichkeit über den Referenten zu einem günstigeren Preis. Besonders dreist zeichnen sich Schulen, die Eltern dann noch zum Kauf der iPads verpflichten wollen.

Sind iPads die schlechteren Geräte?

Nein, natürlich nicht. Es sind ausgesprochen gute Geräte. Doch sind sie, verglichen mit anderen Tablets, extrem teure Einheiten. Viele Schulen wissen nicht, was Digitalisierung bedeutet und haben deshalb den Argumenten der Referenten wenig entgegenzusetzen. Das, was sie nicht sehen, ist der Bedarf der langfristigen Betreuung, die, wenn der Verkauf abgeschlossen ist, schnell abnimmt. Welcher Beamter kann es sich im Schuldienst leisten, eine Serviceleistung aufrecht zu erhalten, die technischen Dienstleistern vorbehalten ist? Also, warum sich in eine Abhängigkeit begeben?

Was sind die Alternativen?

Digitalisierung hat natürlich mit dem Einsatz von Tablets zu tun. Sie sind ein Teil der Medienkunde zum Erwerb der Medienmündigkeit. Das Argument der unkomplizierten Administrierbarkeit von iPads verfällt dann, wenn Eltern dazu verpflichtet werden, sich diese Geräte selbst anzuschaffen oder für sie zu bezahlen. Schule muss ja dann nicht mehr verwalten. Ob sich ein iPad im Hintergrund selbst aktualisiert oder ein Android-Gerät, spielt in der Praxis kaum eine Rolle. Auch wenn manches mit Apple-Produkten leichter zu sein scheint, bin selbst ich als Fachmann an deren Benutzerfreundlichkeit schon manchmal gescheitert.

Geht es um den Datenschutz, dann werden Apple-Produkte als das „Beste“ hochstilisiert und Referenten warnen vor Android-Geräten. Schaut man hinter die Kulissen, dann macht es keinen Unterschied, ob Apple mein Kauf- und Nutzerverhalten bis ins Detail kennt oder Google. Bei iOS muss ich genauso den Zugriff von Applikationen auf mein Gerät gewähren, wie bei Android. Entscheidend ist, dass ich wissen muss, was tatsächlich wann passiert. Hierüber müssen Lehrkräfte ihre Schüler aufklären können. Und man sollte stets bedenken, dass beide Technologiegiganten amerikanische Unternehmen sind, die Daten auf Servern in den USA speichern. Deshalb halte ich mich sehr in der Feststellung zurück, wer tatsächlich besser meine Daten schützt.

Konfrontieren Sie die Referenten mit den richtigen Überlegungen: Wie wichtig ist der Name einer Schule für Eltern, an denen ihre Kinder die Reifeprüfung erlangen sollen? Analog, wie wichtig ist ein iPad als Tablet? Entscheidend ist doch, dass das Kind die Eintrittskarte für das Studium meistert. Analog, ein Tablet muss seine Aufgabe erfüllen. Ob es sich bei der Wahl einer Schule um eine Eliteschule oder das Gymnasium vom Dorf handelt, dürfte in 99% aller Fälle unbedeutend sein, wenn man auf dieser Schule zum Abitur gelangen kann. Analog, ein Tablet braucht lediglich die Möglichkeit das Lernziel zu erreichen. Der Gesetzgeber hat mit seinem Bildungsauftrag die Rahmenbedingungen entworfen, um gleiche Bildungschancen zu gewähren. Und das sollte auch beim Einsatz von Tablets gelingen.

Was fehlt den Schulen tatsächlich?

Eine Schule, die mit dem Einsatz von iPads wirbt, zeigt sich meiner Meinung nach wenig qualifiziert. Sie weisen im Allgemeinen kaum Kreativität und Können auf. Man liegt mit der Vermutung nicht falsch, wenn man sie in der gleichen Konditionierung sieht, wie die ihrer Lehrkräfte, die es gewohnt sind, ihren Schulunterricht mit Kopiervorlagen der Schulbuchverlage zu gestalten. Obwohl Schulen vielfach ein qualifizierter Zugang zum Internet fehlt, werben sie mit der Netzwerkfähigkeit digitaler Geräte.

Schulen mühen sich nicht der qualifizierten Beratung zur Umsetzung der Digitalisierung mit ihren Chancen und Möglichkeiten. Sie konzentrieren sich auf Geräte und Applikationen, die bedient werden sollen. Darin bilden Schulen Lehrer aus, die sich dann als „stolze“ Fachanwender outen. Mir als Schulleitung wäre das zu wenig, denn Schüler können in fast allen Fällen Geräte besser bedienen als ihre Lehrer.

Aufgaben der Schulen müsste es sein, Antworten auf Fragen zu geben, die sich z. B. mit den Netzwerkverbindungen, deren Datenfluss, der kontrollierten Steuerung, des Einsatzes bei Hausaufgaben in Onlinegruppen, der Wahl geschützter Räume, der Erhaltung der Privatsphäre, der Entwicklung von Anwenderfreundlichkeit, der Bewertung von Digitalisiertem und gekonnter Kommunikation befassen. Fragen zur Umsetzung einer papierlosen Schule, dem etikettiertem Verhalten in digitalisierten Bereichen, richtiger Interpretation von Geschriebenem und ob Facebook und Co lebensnotwendig sind, sollten ebenfalls ihre Berücksichtigung finden - vor allem, wie kann Lernstoff digital aufbereitet werden?
In der Praxis sehe ich, dass iPads als Rechercheinstrument zum Einsatz kommen, um dann die Ergebnisse in analoger Form auf Arbeitsblätter zu schreiben. Schulen haben nicht verstanden, wie Digitalisierung funktioniert und erkennen Geräte als Eingabemedium nicht, ihnen fehlt die Fähigkeit vernetzter Denkstrukturen!

Schulen propagieren die Bedeutung der Bildung als Fundament ihrer Schüler, betreiben in Sachen „Digitalisierung“ einen Flickenteppich, der seinesgleichen sucht. Sie begreifen nicht, dass eine zuverlässige Netzwerktechnik das A&O ist. Dazu ein qualifizierter, ansprechender Internetauftritt mit integrierter Kommunikationsschnittstelle zu Eltern, Schülern und Lehrern, also ein soziales Schulnetzwerk, elementar ist - dieses aber bitte facebookfrei!

Es darf keine Rolle spielen, ob ich ein iPad, Samsung Galaxy oder ein Amazon Fire Tablet benutze. Nicht die Marke ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, dass das Gerät browserbasiert auf dem neuesten Stand agiert. Genauso müssen Smartphones, Laptopes, Netbooks, Mac-Rechner und Windows-Computer berücksichtigt werden. Alles andere wäre kein BYOD-Einsatz.

Von all dem iPad-Glanz verbleibt am Ende nur noch ein einziges Instrument, das Schule braucht: den Internetbrowser zum Darstellen von Inhalten, Eingabemasken, der Verbindung zum Schulnetzwerk und multimedialen Fähigkeiten. Warum sollen Schüler ihre Arbeiten in Papierform abgeben, wenn sie in der Klassengruppe ihre Arbeiten abspeichern können und der Lehrer darauf Zugriff hat? Es braucht keinerlei teurer Software und Geräte, um qualifizierte Netzwerke zu realisieren. Es gibt ausreichend OpenSource-Produkte und Lernplattformen zur kostenfreien Nutzung. Dass, was auf Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp usw. praktiziert wird und sich Schüler bereits mit auskennen, kann unter geschützten Bedingungen im schuleigenem sozialen Netzwerk umgesetzt werden. Es müssten sich Lehrkräfte nur die Mühe machen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und nicht Vorgemachtes einfach nachzumachen. Schule hat die Möglichkeit der Steuerung und den Weg in die Digitalisierung zu ebnen.

Meine Empfehlung

Schulen sollten sich qualifiziert und individuell beraten lassen und dazu übergehen, ihr eigenes soziales Schulnetzwerk zu realisieren und darauf achten, dass die technische Betreuung und sämtliche Lizenzen inklusive sind. Ein solches Netzwerk entlastet die Verwaltung in Schulen, gibt den Lehrkräften Freiräume, fördert die Kommunikation untereinander, schafft Transparenz und lebt einen wirksamen Datenschutz.

Dieses Vorgehen würde Apple zwar nicht gefallen, doch können Schulen dann wieder mit ihrer Verpflichtung zur Neutralität aufblühen und ihre Digitalisierung unabhängig propagieren.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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