Was im Curriculum der Schulen fehlt: Vernetzte Denkfähigkeit

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Erinnern Sie sich noch an die Zeit um die Jahrtausendwende?

1996 gaben 38 % der Internetnutzer1 an, KEINEN Online-Einkauf innerhalb der nächsten sechs Monaten zu tätigen. Bereits drei Jahre später kehrte sich dieses Verhältnis um; denn 37,8 % der Nutzer sagten „Vielleicht“ und 44,6 % sogar „Ja“.

Im Allgemeinen konnten Anwender sich nicht vorstellen, eines Tages Autos oder Immobilien im Internet zu kaufen. Keine 20 Jahre später ist beides möglich. Was die Bürger aber schon damals wollten, war das Reduzieren von Verwaltungsarbeiten. Sie nannten beispielhaft die Abgabe einer elektronischen Steuererklärung, die Durchführung von Passanträgen oder auch die Abwicklung von Kfz-Zulassungen. Auch das ist in vielen Städten heute möglich geworden, wenn auch nicht immer zufriedenstellend.

Wie konnte es überhaupt zu diesen Entwicklungen kommen?
Die Antwort dazu ist einfach: Zeitknappheit

Und diese Zeitknappheit existiert auch in den Schulen. Das Problem dabei? Schulen haben den Anschluss an die Digitalisierung nahezu verpasst. So steigerten sie zwar die Verwaltungs- und Dokumentationsarbeiten, bedachten aber nicht die notwendige Prozessoptimierung als Ausgleich zum Mehraufwand. Digitalisierung in den Schulen wurde zu lange als „Virus“, „Übel“ oder „Zeitverschwendung“ verunglimpft. Das Ergebnis: Die Realität überrennt die Bildung in der Geschwindigkeit eines Schnellzuges.

Und die Bewegungen, die nun in Politik und Bildung spürbar sind, lassen Eile und Emotionalität erkennen. Digitalisierung wird als Anschaffung von Geräten gedacht, ohne dafür eine Infrastruktur, fähiges Ausbildungspersonal oder Bildungsmanagementlösungen zu wissen. Nur weil Lehrkräften eine staatliche Lehrbefähigung ausgestellt wurde, verfügen sie nicht automatisch über eine Lehrfähigkeit in der Digitalisierung. Oder anders ausgedrückt: Eine Lehrkraft, die in einem Sportwagen sitzt, ist noch lange kein Sportwagenfahrer.
Was nutzen der Schule die Geräte, wenn sie lediglich die Medienkunde betreibt, das Tablet als Schulbuch versteht und die Apps als Arbeitsblätter. Wo bleibt das Potential der digitalen Kreativität und Entfaltung?

Im Stillen und ganz „nebenbei“ zeigt seit vielen Jahren das EU-Mitgliedsland Estland, wie gewinnbringend die Digitalisierung in die Gesellschaft eingebunden werden kann. Der Artikel „Geht nicht um Laptop in der Klasse, sondern um Kompetenz“, OÖNachrichten vom 14.02.2019, greift das Problem der hiesigen Schulen gut auf.
In der Süddeutschen Zeitung erschien am 11.02.2019 ein politischer Beitrag mit dem Titel „Es ist Zeit die Unternehmen höher zu besteuern“. Darin findet sich eine prognostizierte Entwicklung, was die Digitalisierung bereits in wenigen Jahren erreicht haben wird. Und die Zeiträume mit ihren Auswirkungen sind bedeutend kürzer als das, was wir uns bisher vorstellen konnten. Das ist keine Angstmacherei, wie Kritiker gerne behaupten. Die Realität zeigt, deutsche Bildung hinkt in allem hinterher und sie droht den Anschluss endgültig zu verpassen.

Die Informationstechnologien sind durch die USA und China bestimmt. Deutschland hat sich in der Vergangenheit dazu wenig erarbeitet. Zwar strahlt unser Land mit der Ingenieurskunst und dem Erfinderreichtum, bezogen auf die Patentanmeldungen, aber wie lange noch? Und wo finden sich Alternativen, wenn Maschinen all die Tätigkeiten übernommen haben, die von ihnen besser, schneller und kostengünstiger erledigt werden können als vom Menschen?

Wussten Sie, dass Estland ganz neue Wege in unserem Wirtschaftssystem geht?

Estland ist digitales Musterland und etabliert sich weiter mit der Möglichkeit eines virtuellen Wohnsitzes in einer global vernetzten Welt. Für Sie nicht vorstellbar? Dann schauen Sie sich das e-Residency-Konzept der Republik Estland an. Estland ist die erste Republik weltweit, die voll digitales Arbeiten ermöglicht, inklusive der steuerlichen Verpflichtungen gegenüber den Staaten. Somit kann jeder Erdenbürger grenzenloses Unternehmertum erfahren. In einer digitalen Umgebung spielt es keine Rolle mehr, ob Sie Mann oder Frau sind, in welchem Land Sie wohnen oder welcher Nationalität Sie angehören.

Das klingt nach Zukunftsmusik und ist doch schon real. Es geht dabei gar nicht um die Frage, ob das, was um uns herum passiert, sinnvoll ist oder nicht. Und auch die Schulen werden nicht  darüber befinden können, ob sie die Digitalisierung wollen oder nicht. Fakt ist, die Welt befindet sich in einem dramatischen Umbruch. Und dieser vollzieht sich verdammt schnell.

Das klassische Bildungssystem gerät in einen Konflikt, weil es in jeder Form unvorbereitet ist. Es fehlen nicht nur Lehrkräfte bundesweit, es fehlen Ausbilder, um die Lehrkräfte fit zu machen, es fehlen strukturelle Ausstattungen und etliche Erneuerungsprozesse. Der jahrzehntelange Protektionismus deutscher Bildung, gepaart mit Fehlplanungen im Personalmanagement und der Sparwut der Städte und Gemeinden zeigen ihre Negativauswirkungen auf ganzer Linie.
Der Bund muss mit den Bundesländern zusammen viele Milliarden bereitstellen, um mit vielfältigen Konzepten die digitale Kreativität anzustoßen. Es muss ein Wettbewerb entstehen, so dass die „vernetzte Denkfähigkeit“ in den Schulen zur Freisetzung kommt. Weil aber die politischen Prozesse länger dauern, als man es sich wünscht, sind die Schulen gefordert den Druck zu erhöhen. Wenn eine Regierung in der Lage ist, die Finanzwelt binnen einer Woche in einer Wirtschafts- und Finanzkrise zu retten, dann darf der Bürger erwarten, dass seine Bildungsverpflichtung, durch die festgeschriebene Schulpflicht, auch zügig und in die Zukunft gerichtet voll erfüllt wird.

Denn nur „Vielfalt führt nach Romeo und Julia“!

1 (Quelle: Entwicklungstendenzen im Internet-Commerce von Berthold Glass, 2000)


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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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