Eine seltene Chance für die Schulen

Lesezeit: 7 Minuten

Die Digitalisierung ist für Schulen eine Chance, die sie nicht verspielen sollten. Warum sie für die Bildung so wichtig ist, möchte ich anhand zweier Beispiele verdeutlichen.

Bei Nennung der Digitalisierung fällt oft der Begriff „Open Source“. Übersetzt heißt es „offene Quelle“. In der Informatik bezeichnet sie ein Softwaresegment, dessen Quellcode für jeden einsehbar ist, um die Funktionsweise jener Software zu verstehen. Das Betriebssystem Windows von Microsoft ist bespielsweise nicht quelloffen, Android von Google hingegen schon.
Vielen Anwendern ist die Bedeutung von Open Source nicht wirklich klar und Lehrkräfte kämpfen immer wieder mit Verständnisschwierigkeiten, nämlich dann, wenn sie Vergleiche heranziehen sollen.

Was ein Produkt ist, dürfte jedem Leser verständlich sein. Im Allgemein ist es etwas, was man gewöhnlich konsumiert. Nehmen wir doch mal einen Burrito. Das ist eine gerollte Tortilla mit vielerlei Füllungen, ursprünglich in Mexiko beheimatet. Wenn Sie schon einmal einen wirklich herzhaften Burrito in einem original mexikanischen Restaurant gegessen haben, dann haben Sie sich vielleicht gefragt, wie diese leckere Rolle zubereitet wurde. „Das Rezept müsste man haben“, träumen Sie vor sich hin und überlegen, den Küchenchef danach zu fragen. Doch dieser würde mit großer Wahrscheinlichkeit ablehnen und seine Burrito-Rezeptur nicht verraten.

Diese Reaktion dürfte zunächst jedem einleuchten. Ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis gibt man nicht einfach preis. Der Burrito ist also kein „Open Source“. Wäre er Open Source, dann hätten Sie neben dem Produkt (Burrito) auch Zugriff auf alle Zutaten in der richtigen Menge (Rezeptur), um zum Beispiel den Burrito Zuhause nachzuahmen. Analog zur Bildung ist das Produkt die Digitalisierung und der Zugriff auf alle Erscheinungs- und Lernformen die Rezeptur, um möglichst alle Schulkinder mit Erfolg zum Schulabschluss zu führen.

Nun stellen Sie sich einmal vor, Sie beginnen einen Burrito herzustellen, lassen die Fleischfüllung weg und wählen stattdessen Avocadomus. Sie nehmen also das Rezept, tauschen lediglich das Fleisch mit dem Mus aus und schauen, was dabei herauskommt. Im Ergebnis könnte es passieren, dass Ihr Burrito besser schmeckt, als der im Restaurant. Wäre das Restaurant nun ein Open-Source-Projekt, könnten Sie zum Betreiber gehen und ihm sagen, dass er tolle Burritos fertigt, doch Ihr Burrito durch die Beigabe von Avocadomus noch besser schmeckt, und, wenn der Küchenchef Interesse zeigt, den verbesserten Burrito seiner Speisenkarte hinzufügt. Analog zur Bildung hätte eine Lehrkraft nicht nur gelernt Applikationen auf einem Tablet anzuwenden, sondern durch das Erarbeiten von eigenen Ideen und Inhalten dazu beigetragen, die Lernmethoden für die Schüler zu verbessern.

Für den Küchenchef ist demnach das Hüten einer Rezeptur nicht mehr so wichtig, er wirkt künftig mehr als Unterstützer. Natürlich kann er weiterhin entscheiden, ob die neue Idee des modifizierten Burritos zum Konzept des Restaurants passt. Mit der neuen Möglichkeit der Partizipation, werden aber Interessenten zu beitragenden Gestaltern. Analog verließen sich Lehrkräfte nicht mehr nur auf das, was Schulbuchverlage ihnen vorsetzten. Vielmehr werden sie zu Lenkern und steuern das Geschehen.

Oder ein anderer Fall. Sie kennen sicherlich den Firefox-Browser. Ein weltweit gelungenes Beispiel für ein Open-Source-Projekt. Der Firefox-Browser besteht aus Tausenden Zeilen Quellcode und Anweisungen und zeigt, wie aus diesem Quellcode ein brauchbares Produkt gefertigt werden kann. Weil der Code öffentlich verfügbar ist, kann ihn jeder abrufen, lesen, prüfen oder erstellen. Somit ist jede Person in der Lage das Verhalten von Firefox zu ändern und eine angepasste Version zu generieren. Dazu können alle Verbesserungen an die Produktbetreuer zurückgeschickt werden, die die Neuerung eventuell als Merkmal mit einfließen lassen.
Analog zur Bildung ist es Schulen möglich, gute Ideen in die Schulentwicklung zu integrieren. Eine solche Schule nutzt mit der Digitalisierung die Form der transparenten Kommunikation. Das Vertrauen von Eltern, Schülern und auch Lehrkräften werde erheblich gesteigert. Partizipation ist dann nicht mehr nur ein Schlagwort auf dem Papier, sondern sie wächst zu einem aktiven Gestaltungsmerkmal heran.

Ideen für die Gestaltung von Schulentwicklung können vielfältig sein. In einem Elternforum eines sozialen Schulnetzwerks ist das Anregen bargeldloser Zahlungsmöglichkeiten für das Mensaessen der Schulkinder denkbar. Oder das Online-Buchen von Schul-AGs. Oder das Evaluieren von Elternbedürfnissen durch Umfragen. Oder das Reduzieren von täglichen Verwaltungsarbeiten in der Schule als Kosteneinsparer. Oder das Festigen von Wissen über interaktive Online-Formulare und Lernmanagementmodule. Oder mit der Bereitstellung eines Krankmeldungsformulars das Entlasten des Schulsekretariats — und noch einige Ideen mehr.

An ganz vielen Stellen würden sich nicht nur Ideengeber sondern auch Beitragende finden, die zum Beispiel mit der Fortführung einer Dokumentation anderen Hilfestellung leisteten. Denken Sie nur an die zahlreichen Migranten, die nicht gleich die deutsche Sprache beherrschen, dazu ihnen die deutsche Kultur fremd ist und durch andere Einwanderer in einem Schulnetzwerk Hilfe zur Selbsthilfe bekommen könnten. Die Digitalisierung beschleunigt nicht nur Kommunikation, sie macht sie auch nahbar, weil man unmittelbar am System der Schule beteiligt ist.

Jeder, der etwas kann und leisten möchte, wird mit der Digitalisierung in der Lage sein, von überall aus und zu jeder Zeit mitzuwirken. Ob Schreiber, Zeichner, Musikmacher, Videoenthusiasten, Juristen, Datenschützer, Programmierer, Marketingfachleute, Sportler, Anwender usw. — alle sind in einer Schulgemeinde willkommen. Und sei es, dass ein Leser „nur“ einen Rechtschreibfehler findet. Bestehende Grenzen werden nur noch diese sein, die man sich selbst in seinem Kopf setzt.

Und dazu sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Partizipation in der Regel entgeltfrei geleistet wird. Wo sonst kann man geballtes Wissen bekommen, wenn nicht durch alle Beteiligten in einem Schulverbund? Schließlich hat jeder ein Interesse daran, dass es den Lehrkräften, den Schülern und Eltern gut geht — zufrieden will man sein. Und jeder Vorgang trägt zum lebenslangen Lernen bei.

Was denken Sie? Wäre Wikipedia ohne die vielen Freiwilligen möglich geworden? Sicherlich nicht!

Mit der Digitalisierung hat jede Schule die unglaublich wertvolle Chance, sich neu zu erfinden und besser zu positionieren. Diese Chance sollte sie nicht leichtfertig verspielen.


Wollen Sie live dabei sein, wenn wir das nächste Mal berichten? Dann folgen Sie doch unserem EDUNETZ-Newskanal mit dem Telegram-Messenger. Bildungsnachrichten in Echtzeit!

EDUNETZ-Newskanal in Echtzeit

Netzwerke

Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
Netzwerke

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.