Die Zukunft der Bildung entscheidet sich mit der Digitalisierung

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„Der Digitalpakt ist verabschiedet, das zähe Ringen des Bundes mit seinen Ländern hat ein Ende. Geld könnte sofort fließen - tut es aber nicht.“

Für die meisten Schulen ist die Digitalisierung noch ganz weit weg. Zunächst einmal müssen Ideen erfasst und Konzepte geschrieben werden. Allein dies bedarf schon des Verständnisses, wie Digitalisierung funktioniert, was sie kann und was nicht. Hat man die erste Hürde genommen und die Anlaufstelle zur Beantragung der Fördermittel ausgemacht, dann stellt sich die nächste Frage, wer die Mittel beantragt: die Schule oder der Schulträger? Und kann man sich sicher sein, dass das selbst verfasste Konzept der Vollständigkeit, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit entspricht?

Der Weg zur Digitalisierung wird noch gut zwei Jahre dauern, bis sie praxistauglich in den Schulen wird beginnen können. Hauptverantwortlich dafür sind die Strukturen in unserem Bildungssystem und der Blick in die Details. Die Welt hat sich seit der Gründung unseres Schulsystems sehr stark verändert. Und obwohl das Bildungssystem versuchte, die Werkzeuge, mit denen Lehrkräfte unterrichten, in Teilen zu modernisieren, hat die Bildung es versäumt, die Gesamtstruktur und den Schulalltag selbst neu zu gestalten und an die Entwicklungen anzupassen. Demnach findet Unterricht in Schulen statt, der von der Digitalisierung weit entfernt ist. Es ist davon auszugehen, dass es weitere fünf Jahre brauchen wird, um von einem Verständnis der Digitalisierung in den Schulen zu sprechen.

Viele Lernkonzepte und -kompetenzen der Schulen strahlen auf dem Papier und dienen als Aushängeschild gegenüber der Öffentlichkeit. Doch schon die Umsetzung ist meist wenig praktikabel. Nach wie vor sehe ich in Schulen, wie noch immer Informations- und Nachrichtenzettel durch das ganze Gebäude getragen werden. Lehrkräfte laufen vom obersten Stockwerk bis in den Kellerraum, um schnell Fotokopien zu erledigen und hetzen den Weg zurück ins Klassenzimmer. Zwischendurch nehmen sie einen Biss ins Pausenbrot, das im Vorbeigehen aus dem Lehrerzimmer geschnappt wurde. Auf dem weiteren Weg trifft man Kollegen, die einem etwas zurufen, während die Schulsekretärin den Lehrkräften die Krankmeldung eines Elternteils hinterher winkt.

Zwar mangelt es nicht an Lernideen und gutem Willen in den Schulen, wohl aber an technisch sinnvollen Strukturen und den Umgang mit ihnen. Die beste Lernmethode und Wissensvermittlung nutzt nichts, wenn die Lern- und Verwaltungskette schnellen Zugriff auf Informationen benötigt, diese aber nicht zur Verfügung stehen. Schon zu meiner Schulzeit endete der Unterricht mit großer Unzufriedenheit, wenn der Lehrer nicht in der Lage war, einen Videorekorder oder Fernseher zu bedienen bzw. nicht eine Filmspule einlegen konnte oder die technische Infrastruktur versagte. Als Plan B diente dann das Abfragen von Vokabeln und Wiederholen der letzten Lektion des Unterrichts.
Dazu legten Lehrkräfte schon immer viel Wert auf Noten. Sei es durch Klassenarbeiten, Kurztests, mündliche Mitarbeiten oder Präsentationen. Je mehr Zahlen sie mit einem „+“ oder „-“ Zeichen versehen konnten, je vollständiger gestaltete sich das Raster. Heutzutage werden Schulkinder einem Rating unterzogen. Bis auf ein oder zwei Kommastellen genau werden sie bewertet. Was früher eine „3+“ war, wird heute beispielsweise als „2,86“ ausgegeben. Ich sehe es an meinen eigenen Kindern, welche Wirkung eine Schule damit erzielt: sie reden nur noch über Noten und kaum über Inhalte. Jegliches Lernen wird bis zur Arbeit fixiert, danach bleibt vom Lernstoff wenig übrig. So findet z. B. die Bewegung „Fridays for future“ an ihren Schulen kaum Beachtung, man beugt sich dem Trott des Schulalltags. Auch Digitalisierung ist kein Thema, sie gibt es nicht.

Ist den Schulen eigentlich bewusst, dass die Internetversorgung in Deutschland weltweit auf Platz 30 abgerutscht ist (Stand 02/2019, Vorjahr Platz 25, Quelle: Techbook)? In der mobilen Internetversorgung sogar auf Platz 40!!
Man beachte andere Länder, z. B. Rumänen, das weltweit mit schnellem Internet via Festnetz auf Platz 5 liegt. So kommt Deutschland auf eine maximale Downloadrate von 68,22 Mbps (Megabits per second, 1 Mbps = 0,125 MB/s), Rumänen auf satte 131,48 Mbps. Den ersten Platz belegt Singapur mit 195,36 Mbps/s.

Deutschland ist Hochtechnologieland und regelmäßig Exportweltmeister. In der Digitalisierung jedoch bedeutungslos. Ist der Anschluss an die Weltspitze schon verpasst? Besteht nicht die Gefahr, dass das nicht Erkennen von Chancen durch die Digitalisierung uns in eine wirtschaftliche Rezession führen werde? Spüren wir nicht, wie die Digitalisierung auf alle Bereiche des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen und privaten Lebens einwirkt? Sind wir Deutschen blind oder teilnahmslos?
Es ist ein gewaltiger Tsunami im Anmarsch, den besonders das deutsche Bildungssystem treffen wird. Die technische Infrastruktur in unseren Schulen liegt brach und ist oftmals gar nicht vorhanden. Etliche Gebäude aus den 70er Jahren, die vielfach noch eine Asbestverkleidung tragen, wurden über Jahrzehnte hier und da geflickt, nur nie wirklich von Grund auf saniert. Und weil man viele Dinge im Althergebrachtem beließ, sah man auch keine Notwendigkeit die Lehrkräfte entsprechend aus und weiterzubilden. Die Kultusminister haben, was die Digitalisierung angeht, nicht nur geschlafen, sie haben sie ignoriert. Mit ihrer Bürokratie beschleunigen sie das Warten zusätzlich, weil sie bestimmen, wer was wann wie „digitalisieren“ darf.

Erst kürzlich kontaktiere mich eine Schulleiterin eines 800 Schüler/innen großen Gymnasiums und gestand, dass ihr die Datenschutz-Grundverordnung großen Unmut bereite. Nebenbei erwähnte sie, die Digitalisierung sehe sie hingegen als unproblematisch an. „Wir brauchen nur einen Server, Tablets und die Apps, die dann auf die Geräte gespielt werden“, so ihre Aussage. Es schien, Schulen wiederholen das, was sie von Konzernen vorgekaut bekommen. Bereits im September 2018 verfasste ich dazu einen Artikel, der genau diese Problematik beschreibt. In meinen Augen verletzen Schulen die gebotene Neutralitätspflicht, wenn sie einen Konzern mit seinen Geräten und seiner Infrastruktur bevorzugen.

Dass wir Infrastruktur in Gebäuden brauchen, natürlich. Das wir gut ausgebildete Lehrkräfte benötigen, selbstverständlich. Nur warum bitte wieder Zentralisierung, Gleichschaltung und nur eine Tabletmarke? Was lernen Lehrkräfte, wenn sie eine App auf einem Tablet bedienen können? Nichts! Und dieses „Nichts“ geben sie an die Schüler/innen weiter. Würden Schulen die Digitalisierung ernst nehmen, stellten sie sich breit auf und ließen das Arbeiten mit jedem Gerät zu (Stichwort BYOD). Das einzige was Schulen benötigen, ist ein stabiler und schneller Zugang zum Internet in jedem Gebäudeteil, mehr nicht. Alles andere findet sich in den Weiten des Internets wieder.

Wer den Film Alphabet (Trailer unterhalb) gesehen hat, weiß, dass der Mensch seine Fähigkeiten der Kreativität und Vorstellungskraft mit dem Schulsystem systematisch verliert. Eine international durchgeführte Langzeitstudie über Jahrzehnte belegt, dass 98 % aller Kinder hochbegabt geboren werden. Nach Ablauf der Schulzeit sind es nur noch 2 %.

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Das ist schwer vorstellbar und doch Realität. Und jetzt beginnen Schulen, die Digitalisierung zu lehren, ohne zu wissen, was sie bedeutet. Schulen mühen sich nicht, dass die Digitalisierung mit den Umbrüchen der Industriellen Revolution in Deutschland vergleichbar ist. Nur die Dosis ist 10-fach stärker. Viele Jobs, die wir seit Jahrzehnten kennen, werden in absehbarer Zeit verschwunden sein. Berufe wie die des Bäckers, Metzgers oder auch Steuerberaters  sterben aus. Es werden alle Tätigkeiten obsolet, die einer Routine und klaren Struktur unterliegen und durch Maschinen ersetzt werden können. Es werden zahlreiche neue Berufe entstehen, deren Namen wir noch gar nicht kennen.
Erst kürzlich gab der Volkswagenkonzern bekannt, dass in der Automobil- und Zulieferindustrie ein massiver Stellenabbau einsetzen werde, weil Elektrofahrzeuge gut 30 bis 40 % weniger Komponenten benötigen als ein klassischer Wagen mit Verbrennungsmotor. Weiter lässt sich der Konzern auf digitale Technologien des Versandriesen Amazon ein. Die Veränderungen sind gewaltig und werden erheblichen Einfluss auf unsere Wirtschaftskraft ausüben. Deutschland braucht Menschen, die den Maschinen überlegen sind. Das gelingt aber nur, wenn wir Kreativität, Kunst, Empathie und Bewegung fördern, dazu eine gesunde Ernährung als Maßstab anlegen und unseren Geist fit halten.

Als unsere Familie 2015 nach Rio de Janeiro zog, erlebten wir eine voll digitale Behördenstruktur. Brasilien, das zu den BRICS-Staaten zählt und als „aufstrebende Volkswirtschaft“ gilt, ist in der Digitalisierung schon vor Jahren weiter gewesen, als es Deutschland heute ist. Sind wir Deutsche denn so blauäugig und glauben an die wirtschaftliche Unverletzlichkeit?
So dankbar wir unserer Bundeskanzlerin für ihre ruhige, standhafte und gewissenhafte Ausstrahlung in einer anspruchsvollen Weltpolitik sind und sie mit ihrer 16-jährigen Amtszeit in die Geschichtsbücher im Jahr 2021 eingehen wird, so wird sie nicht nur die Kanzlerin mit der längsten Amtszeit gewesen sein, sondern auch die Politikerin in Deutschland, die den Weg mit der Digitalisierung nicht bereitete.

Wir brauchen deshalb fähige Köpfe in den Schulen, die sich bewusst für eine qualifizierte Digitalisierung einsetzen. Kämpfernaturen, die bei den Schulträgern immer wieder vorsprechen, Führungskräfte, die Fähigkeiten eines Kollegiums bündeln und Lehrkräften es zur Aufgabe machen, Vernetzungsstrukturen zu erarbeiten, zu formulieren und zu unterrichten. Dabei gilt stets das Credo, sich an der Wirklichkeit zu orientieren. Und dann klappt es vielleicht auch mit der Digitalisierung.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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