Die größere Hürde der Schulen ist die Gefahr des falschen Digitalunterrichts

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Der Digitalpakt des Bundes mit seinen Ländern kommt bei den Schulen nur schwer in Gang. Der Bürokratismus treibt sein Unwesen. Schulen können nicht frei entscheiden, wie sie es eigentlich müssten, der Einstieg in die Digitalisierung lahmt. Das Zepter der Mitbestimmung lassen sich weder die Länder, noch die Schulträger aus der Hand nehmen. Bei den Kommunen ist es der Einflussbereich der „Kostenstelle Hardware“ und bei den Ländern die der „Bildungskontrolle“.

Nach Recherchen bestätigen Schulen, dass sowohl der Schulträger wie auch das Land ein Digitalisierungskonzept wünschen, und zwar von jeder Schulform. Der Individualismus der Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen sowie Gymnasien darf zwar auf dem Papier stehen, doch bleibt er tatsächlich außen vor. Träger und Land wünschen sich eine einheitliche Verwaltung, gerade in Personalfragen. Das heißt, ein Verwalter für alle technischen Hardwaremaßnahmen, wie Server und Tablets, um alle angeschlossenen Geräte zu administrieren. Dies sei, so der Tenor, die beste Lösung aus Sicht des Finanzsektors. Ob eine Lösung der Schreibtischplanung die richtige ist, darf bezweifelt werden. Zumindest zeigte die Vergangenheit, dass die personelle Planung der Lehrkräfte durch das Land in der Praxis scheiterte.

Weiter fordert man von Schulen, ein Konzept mit technischen, infrastrukturellen und pädagogischen Inhalten zu erstellen. Das dieser Mix die Schulen herausfordern dürfte, liegt auf der Hand.

Gründe
  • Schulen sind keine kaufmännischen Betriebe und Architekten; demnach haben sie Schwierigkeiten Kosten zu berechnen, die mit Bauwerken und technischen Ausstattungsmerkmalen zu tun haben.
  • Ein pädagogisches Konzept in der Digitalisierung für Grundschulen wird sicherlich nicht den Schwerpunkt der für Gymnasien oder Förderschulen haben und umgekehrt.
  • Eine zentrale Verwaltung birgt das große Risiko der Lähmung aller angeschlossenen Schulformen, besonders in Krankheitsfällen und anderen Abwesenheiten der Verwaltung bzw. der technischen Unkenntnis.

Mit der bisherigen Umsetzung des Digitalpakts ist die notwendige Zusammenarbeit der Schulträger mit dem Land und den Schulen nicht erkennbar. Während der Bund den Schulen die Mittel in direkter Eigenverantwortung zuteilen wollte, sahen sich die Länder ihres Bildungsauftrags beraubt und die Schulträger gingen davon aus, gar nicht mehr mitreden zu dürfen. Salopp ausgedrückt ist der aktionierte Bürokratismus das Ergebnis aus „Zu viele Köche verderben den Brei“.

Die nächste Baustelle, die Schulen zu bewältigen haben, ist die Datensicherheit. Dabei werden sie weniger mögliche Hackerangriffe fürchten müssen und eher zu prüfen haben, welche Daten durch ihre Arbeit erhoben und an andere Stellen weitergegeben werden, besonders bei personalisierten Informationen.
Bis heute haben nach eigener Einschätzung etwa 88 % aller Schulen in Deutschland keine, ungenügende oder fehlerhafte Datenschutzbestimmungen. In gut 9 von 10 Fällen stoße ich auf unkorrekte Angaben, wenn es um die Umsetzung der Datenschutz-Grundverordnung geht. Dies stelle ich u. a. mit der Darstellung des Internetauftritts der Schulen und den dort hinterlegten Datenschutzbestimmungen fest. Meistens passen sie inhaltlich gar nicht zusammen und es hat den Anschein, als habe man lediglich etwas eingestellt, um dem Besucher die Einhaltung der Gesetzgebung zu suggerieren. Dies wird künftig kaum mehr funktionieren, weil die Digitalisierung unaufhaltsam fortschreitet und zunehmend komplexer wird. Wer den Anschluss verpasst und sein Kollegium nicht schult, wird zumindest die Schließung des Internetauftritts zu fürchten haben.

Den Schulen stehen zur Umsetzung der Digitalisierung (Hardware) Systeme von Apple (iOS-Tablets), Google (Android-OS- / Chrome-OS-Tablets) und Microsoft (Windows-Tablets) zur Verfügung. Nicht wenige Schulen präferieren die Infrastruktur von Apple. Mit ihren sogenannten „Tablet-Klassen“ setzen sie iPads ein und nutzen das Ecosystem von Apple.
Sich im Rahmen der Digitalisierung auf ein System festzulegen, halte ich für äußerst bedenklich. Mit iOS wählt man ein Betriebssystem, das am wenigsten weltweit in Gebrauch ist (21 % Marktanteil), bei Google eines, was in Sachen Datenschutz noch besser werden muss und mit Microsoft eines, das den Anschluss an die Mobilität noch nicht aufgeholt hat. Wer sich auf ein System fixiert, lässt die Vielfalt der Digitalisierung missen, weshalb die Sichtweisen zwangsläufig beschränkt in Schulen zur Vermittlung kommen werden.
Hat man zum Zeitpunkt X ein System gewählt, das später nicht mehr dem Hype entspricht oder schlichtweg ein verändertes Geschäftsmodell betreibt, dann wird ein Umstieg mit wahrscheinlich sehr hohen Kosten verbunden sein. Hier sollten Schulen aus der Vergangenheit mit ihren Computerräumen gelernt haben.

Was is zu tun?

Nicht jede Schule ist mit der anderen vergleichbar. Schon aus diesem Grund sind Zentrallösungen schädlich. In der Struktur sollte sich jede Schule breit und flexibel aufstellen. Ganz abzuraten sind die „mobilen Kofferlösungen“. Bei dieser Form erhält eine Schule einen Koffer auf Rollen mit ausgestatteten Tablets, die dann an vorbestimmten Tagen von Klassenraum zu Klassenraum wandern. Dies hat die Merkwürdigkeit, als lerne man Digitales nur an einem Wochentag X.
Auch das Angebot, den Tabletunterricht in den ehemaligen EDV-/PC-/Computerraum zu verlagern, ist mehr als dümmlich. Tabletunterricht ist von Mobilitäten und Individualität und der damit verbundenen Spontanität und Vielfalt geprägt. Auch das sind Gründe, warum Smartphones und -pads so erfolgreich sind.

Schulen sind das zentrale Lernen und den Gleichklang des Fortkommens der Schulkinder in den Klassen gewöhnt. Aber genau das hat sich als schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung und die Kreativität der Kinder herausgestellt, die nicht der Schulnorm entsprechen. Gerne verweise ich hierzu auf meinen Beitrag „Die Zukunft der Bildung entscheidet sich mit der Digitalisierung“ vom April des Jahres. Und gerade die Digitalisierung lässt sich nicht gleichschalten, wenn man sie verstehen und anwenden will. Vernetzte Denkstrukturen, die Schulen vermitteln sollten, beruhen auf dem Verständnis der Synapsenbildung im Gehirn. Es gibt nämlich nicht nur einen Weg der Informationsbildung und auch nicht nur eine Strategie oder den „allgemeingültigen Lösungsweg“. Digitalisierung schafft Potenzialentfaltung, weckt Neugierde, ermöglicht Wissen sich anzueignen und zu teilen, Sprachen zu trainieren, neue Vielfalt zu entdecken und sehr viele Dinge mehr. Das setzt aber voraus, dass der Anwender, also die Lehrkraft, in die Lage versetzt wird, genau diese Entfaltungsmöglichkeiten und -freiheiten zuzulassen, zu erlernen und zu vermitteln. Mit der bestehenden Bildungsform wird das schwer werden.

Jede Schule sollte in ihren Klassenzimmern ein eigenes WLAN aufweisen. Hat man z. B. 15 Klassen, dann braucht es 15 WLANs und dazu jedes Kind sein eigenes Tablet. Es ist bekannt, dass die Gelder des Digitalpakts nicht reichen werden, um für jedes Kind ein Tablet parat zu haben. Das ist auch nicht weiter schlimm. Einseits sollten Schulen lediglich einen Grundstock an Geräten aufweisen, andererseits sich dafür stark machen, dass die lokale Wirtschaft das lokale Bildungswesen durch Spenden unterstützt. Des Weitern werden Schulen nicht in der Lage sein, der Geschwindigkeit in der Geräteentwicklung zu folgen - weder materiell, personell, noch finanziell. Es empfiehlt sich, dass Schulen sich auf eine Hochgeschwindigkeitsanbindung zum Internet mit bester mobiler Infratsruktur konzentrieren. Auf alles andere kann man aufbauen, in Schritten.

Weiter empfehle ich den Schulen, einen Berater an ihre Seite zu stellen, der permanent als Ansprechpartner dient und Lehrkräfte schult, um ihnen das Verständnis der Digitalisierung zu vermitteln. Bevor irgendein digitaler Unterricht beginnt, sind Lehrkräfte fit zu machen. Auch hier empfehle ich das schrittweise Vorgehen in Kleingruppen. Die, die Lust an der Schulentwicklung via Digitalisierung verspüren, sollten beginnen. Alle anderen können zunächst auf ihrem bestehendem Niveau verweilen. Ich bin mir sicher, dass die Begeisterung der Vorreiter nach und nach auf die anderen überschwappen wird. Spätestens dann, wenn sie für sich in der Digitalisierung persönliche Vorteile entdecken.

Da nach wie vor die Eltern der Schulkinder oder die Schulkinder selbst über weitaus modernere Geräte verfügen bzw. verfügen werden, im Vergleich zu den Schulen, ist das Bring-Your-Own-Device-System (BYOD) zu präferieren. Es gibt inzwischen zahlreiche abgewandelte Formen von Unternehmen, die von BYSD (Bring Your School Device) bis hin zu BYRD (Bring Your Rent Device) sprechen und eigene Konzepte entwickeln. In der Summe haben aber alle eines gemeinsam, nämlich ein Gerät pro Schulkind und dieses möglichst markenunabhängig. Somit verbleibt die zentrale Aufgabe der Schulen, sich für die Infrastruktur der Hochgeschwindigkeitsanbindung in den Klassenräumen und für eine breit aufgestellte Ausbildung der Lehrkräfte einzusetzen.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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Ein Gedanke zu „Die größere Hürde der Schulen ist die Gefahr des falschen Digitalunterrichts

  1. Bernd Gebert

    Natürlich kann der Digitalpakt Schulen nicht mit Tablets ausstatten. Es ist ausdrücklich gesagt, dass die Mittel nict für Endgeräte zur Verfügung stehen. Und viele Schulen wären froh, wenn sie überhaupt über eine ausreichende Anzahl von (zeitgemäßen) Computern verfügen, von Tablets ganz zu schweigen. Bei uns gibt es für diese Schulen gebrauchte Hardware (je nach Bedarf) zum selbst Aussuchen gratis: http://www.das-macht-schule.net/gratis-hardware. Wer das als Unternehmen mit Hardware-Spenden füttern will, ist hier an der richtigen Aderesse: http://www.pc-spende.de (das alles ist für Unternehmen und Schulen ist kostenlos)

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