Die Angst der Schulen innovativ zu sein

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Schulen in Deutschland sind im Ergebnis geplante Lernorte. Als Relikt übertrug man nach dem zweiten Weltkrieg, dem jungen Deutschland, die Bildungshoheit auf die Länder, um die Verbreitung zentraler Ideologien zu verhindern. Was zu damaliger Zeit richtig und weitsichtig war, ist heute maßgeblich für Bildungschaos verantwortlich.

Jedes der 16 Bundesländer entwickelte seine eigene Auffassung dessen, wie Bildung zu sein hat. Während die Bundesländer Hessen, Bayern und Baden-Württemberg „stabile“ Bildungserfolge in Vergleichsstudien verzeichneten, fanden sich die anderen Bundesländer in ganz unterschiedlichen Bildungswelten wieder. Und jedes Land sieht sich auf dem richtigen Weg. Begutachtet man aber die Bildungsentwicklung im Gesamten, so kann sich Deutschland keineswegs rühmen fortschrittlich oder gar innovativ zu sein.

Aktuell ist vom Lehrermangel die Rede und das man Lehrer für eine Millionen Schüler zusätzlich sucht, so ein Artikel der ZEIT ONLINE. Ein Beispiel von vielen, dass Planwirtschaft in der Bildung nicht funktionierte. Das hierarchische System der Verteilung von Bildungsaufgaben über das Kultusministerium → Regierungspräsidium → Schulamt → Schulen ist unbeweglich, ineffizient und langatmig.

„Schule kann mehr und Schule darf mehr“

Tief verankert ist die Angst Fehler zu machen. Lehrer gelten als gebildet, studiert und mancherorts noch als Vorbild. Wurden sie im Studium auf Theorien des staatlichen Bildungsapparats trainiert, erfuhren sie ihren praktischen Feinschliff im Referendariat. Dort, wo Erlerntes auf die Realität trifft. Wie aber soll sich die Kreativität, das Ungezwungene und Lebendige bei jungen Lehrkräften entfalten können, wenn sie nach festen Mustern ihren Unterricht auf die Minute zu planen haben und gleichzeitig die Zielvorgaben und Antworten der Schüler mitliefern?

Man muss kein Fachmann sein, um festzustellen, dass Bildung so nicht funktionieren kann. Schon seit Jahrzehnten brauchte das Land keine Fabrikarbeiter mehr, Marionetten, die eintönige Arbeiten leisteten. Deutschland ist Hochtechnologie-Land und schaffte es nicht, ausreichend und flächendeckend, in attraktive Schulgebäude mit feinster Netzwerktechnologie zu investieren und professionelle Ausbilder aus der Wirtschaft zu rekrutieren, die die Lehrkräfte auf die Veränderungen des technologischen Wandels vorbereiteten. Dazu den Schülern Ruhepausen und Bewegungsräume einräumten, um dem Gehirn die Entlastung und dem Körper die Entrostung zu ermöglichen. Und warum?
Staatlich verordnete Bildung suchte stets in den eigenen Reihen nach Aspiranten, um verbeamtete Lehrkräfte mit Deputatsstunden zu versorgen, die dann, so hoffte man, die vermeintlichen Lücken schließen könnten. Der Tenor dieser absurden Vorgehensweise: inzestuöses Verhalten, um Kosten zu sparen.

Das ist gelebte Bildungspolitik in Deutschland. Und das Ergebnis erntet man allseits: Lehrermangel, marode Schulgebäude, fehlender Netzanschluss, Fettleibigkeit, Ermüdung, Denkarmut und vieles mehr. Wie sollen Lehrer und Schüler Motivation erfahren, wenn die Rahmenbedingungen derart schlecht sind, dass täglich nur Negatives ihnen begegnet? Gibt es noch Schüler, die gerne in die Schule gehen? Fragt man sie, warum sie es tun, erfolgt die Antwort „weil ich es muss“.

„Innovation lebt von Freiheit“

Liest man die Kurrikula der Schulen bzw. wirft man einen intensiven Blick auf die Bildungspläne der Länder, dann fällt es einem schwer zu glauben, dass das, was Schüler alles können lernen sollen, mit großer Wahrscheinlichkeit von Lehrern selbst nicht mehr geleistet werden kann.

Eigentlich gibt es keinen Grund sich zu beklagen, wenn man es anders machen will. Und es gibt sie, die Schulen, die anders sind. Das Reglement sieht selbstverständliches Handeln im Vordergrund.

5 Freiheiten, die Gelebtes dankbar machen.

Freiheit 1Freiheit 2Freiheit 3Freiheit 4Freiheit 5
Kinder in Schulen sollen sich wohlfühlen können. Ich achte stets darauf, dass das passiert.
Oft steht Negatives im Zentrum des Geschehens. Ich achte stets darauf, dass meine Argumente positiv formuliert sind.
Mobbing hat in Schulen nichts zu suchen. Ich trage dazu bei, dass es meinen Schülern und Kollegen gut geht.
Fehler sind die Quelle für Innovation. Ich trage dazu bei, dass Fehler nicht geahndet werden und für die Entwicklung in Schule und Beruf wichtig sind.
Egoismus führt zu Isolation und Missgunst. Ich werde mich stets vorbildlich verhalten, egal wem gegenüber.

Obige Selbstverständlichkeiten hören sich für manchen Leser wie die Predigt eines Pastors an, weil sie im Schulalltag kaum zu finden sind. Sie werden zwar immer wieder eingefordert, doch haben sie eine kurze Halbwertszeit. Was in der Grundschule noch vorbildlich funktionieren mag, ist in der weiterführenden Schule nahezu nicht mehr existent. Dabei kostet es nichts, sich der Freundlichkeit, der Achtung und des Interesses für den anderen hinzugeben.

Hat man seine Aufgabe im System Schule von einem neuen Blickwinkel aus betrachtet, dann fallen einem alle weiteren Aufgaben auch viel leichter. Lehrern mangelt es grundsätzlich nicht an Ideen, es mangelt ihnen aber an der Umsetzbarkeit. Sie wissen schlicht nicht, dass Ideen praxistauglich erarbeitet werden müssen. Gerne vertreten sie die Auffassung, dass andere ihre Arbeit zu tun haben. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Lehrern wird seit Jahrzehnten der Kern ihrer Arbeit durch Schulbuchverlage abgenommen. Sie haben sich an das sogenannte „Copy & Paste“ gewöhnt; nur dass sie tatsächlich die Vorgaben der Verlage kopieren und in die Klasse einfügen. Man könnte sogar von einem „Verlagssyndrom“ sprechen.

Haben Sie schon ein- oder mehrere Male die Gesprächsrunden (Konferenzen) von Lehrkräften erlebt? Natürlich gibt es erstklassige Kollegien in Schulen, die zielorientiert agieren. Sie sind aber die große Ausnahme. In einer überwiegenden Zahl der Fälle gestalten sich ihre Konferenzen als Zeitverschwendung. So sieht z.B. eine Gruppe Lehrer die jüngeren Lehrkräfte als Gefahr an, weil sie in ihren Augen alles anders machen wollen. Eine zweite Gruppe versteht nicht, warum sie z.B. Smartphones im Unterricht nicht einsetzen dürfen und ein Verbot erhalten. Und die dritte Gruppe, die grundsätzlich gegen alles und jeden ist und ihr Recht der Basisdemokratie in der Blockade versteht. Wer erwartet hier noch Schulentwicklung?

Und treten wirklich ernsthafte Situationen in Schulen ein, wie z.B. Fälle von Mobbing oder sexuellen Übergriffen, dann ist das Geschrei nach allen Seiten groß. Der Hinweis im Vorfeld aber, doch bitte präventiv ein Modell zum besseren Miteinander auszuarbeiten und anzuwenden, verstummte. Die fehlende Sensibilisierung für das Gemeinsame, der Empathie für den anderen oder wie schädlich Egoismus sein kann, tragen zum Unmut bei. Innovation bedeutet nicht immer die Erneuerung von technischen Dingen, sie ist vielmehr die ständige Rückbesinnung auf die Würde des Menschen. Alles, was sie achtet, achtet automatisch den Umgang mit seinem Umfeld und den Dingen, die ein gemeinsames Fortkommen ermöglichen.

Schulen haben die Pflicht Innovation auszuüben und sich ihr nicht zu verschließen. Dazu müssen sie sich öffnen, Einblicke gewähren und die Angst verbannen. Allein ein gutes Marketing macht noch keine gute Schule – aber fröhliche Schüler sind das beste Marketing für eine gute Schule.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach deutschen und europäischen Datenschutzrichtlinien
Lebt seit 2015 in Rio de Janeiro
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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4 Kommentare auf "Die Angst der Schulen innovativ zu sein"

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Franz Josef Neffe
Gast

Schulen sind bei uns Vollzugsanstalten; da sind nur vorgeschriebene Innovationen vorgesehen.

Arthur Avington
Gast

Thanks ! big fan here but you need to see page

DerLehrer
Gast
Lieber Herr Wollenhöfer, in einigen Punkten muss ich Ihnen recht geben. Nur warum „professionelle Ausbilder aus der Wirtschaft “ eine Innovation für Schulen sein sollen erschließt sich mir nicht ganz. Schule soll und muss ein neutraler Ort sein! Warum rufen Sie mich nach professionellen Ausbildern aus dem Sozialwesen oder kirchlichen Institutionen oder von Parteien? Vermutlich wäre das Geschrei(zu )groß. Schule ist hoffentlich nicht mehr der Gehilfe der industriellen Revolution, wie im 19 Jahrhundert, sondern besinnt sich zurück auf aufklärerische Gedanken mit kritischem Hinterfragen gesellschaftlicher Strukturen. Insofern würde ich gerne die Schüler vor zu schnellem Zugriff als potentielle Arbeit(skraft)geber vor den… Mehr lesen »
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