Der freie Fall des deutschen Bildungssystems

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Überall wurde über sie berichtet, über die Leistungsstudie des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Sie ist die Studie, die der Kultusministerkonferenz Aufschluss darüber geben soll, ob untersuchte Schüler ihrem Bildungsauftrag folgten. Nun wurden die Ergebnisse der Grundschüler offenbart. 29.259 Viertklässler nahmen an dieser Studei aus 1.508 Grund- und Förderschulen teil.

Zunächst einmal die gute Nachricht. Am Bildungsdesaster sind nicht die Lehrer schuld. Die schlechte Nachricht, das deutsche Bildungssystem hat auf breiter Linie versagt. Mich machen solche Ergebnisse traurig. Freundlich erinnere ich an meinen Artikel vom 2. Dezember 2015. Dieser Beitrag erreichte mehr als 2.300 qualifizierte Leser im Bildungssektor.


Das deutsche Schulsystem wird nicht überleben
90% von dem, was Schule lehrt, ist Zeitverschwendung


Vor gut zwei Jahren erhielt ich – wegen meines Artikels – von einigen Schulleitern und Bildungsbeauftragten, sogar auch manchem Lokalpolitiker nicht gerade freundliche Zustimmung. Man warf mir vor, nicht zu wissen, wie deutsche Bildung funktioniere und soziale Medien das Übel aller schlechten Dinge sei. Tatsächlich war der verbale Angriff lediglich ein Versuch, lautstark von eigener Unfähigkeit abzulenken. Das Ergebnis der IQB-Studie bestätigte nun meine damalige Prognose.

Schauen wir uns aber erst einmal wesentliche Ergebnisse der Studie an. Es ging um die Viertklässler von Grundschulen, also jener Gruppe, die nicht nur unmittelbar vor dem Wechsel in die Sekundarstufe standen, sondern auch einen wichtigen Lebensabschnitt in deutscher Bildung bereits gemeistert hatten. Grundschulen bilden demnach das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Je schlechter ein Fundament gelegt wurde, desto wackliger wird alles was darauf gesetzt wird — eine Erkenntnis die nicht weiter ausgeführt werden braucht.

Mit dem Kompetenzbereich „Lesen“ kommen Viertklässler in Deutschland gleichbleibend gut zurecht. Schlusslichter sind die Bundesländer Berlin und Bremen, wobei Baden-Württemberg auf Platz 14 abrutscht. Bayern, Sachsen und Schleswig-Holstein teilen sich die ersten drei Plätze. Noch 65,5% aller Schüler erreichen den Regelstandard in Deutschland.

Der Kompetenzbereich „Zuhören“ wird von den Bundesländern Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen erneut angeführt, wobei Hamburg den Optimalstandard am Besten erreicht. Schlusslichter sind Sachsen-Anhalt und Bremen. Mit 68,4% erreichen die Schüler den Regelstandard, womit sich Deutschland nicht gerade rühmen kann.

Bei der Kompetenz der „Orthografie“ geht es um die Rechtschreibung an sich. Dazu zählen einerseits Rechtschreibfehler aber auch die Grammatik, also die sprachlich richtige Ausdrucksweise. Hier überrascht positiv das Saarland mit einem zweiten Platz und negativ Hamburg und Niedersachsen mit den Plätzen 13 und 14. Gerade einmal 53,9% aller Schüler in Deutschland erreichen den Regelstandard.

Die Kompetenz der „Mathematik“ wird in deutscher Bildung als besonders elementar angesehen. Lehrer, die Mathematik studiert haben, sind überall das Aushängeschild. Besonders wichtig wird deren Einsatz an deutschen Auslandsschulen gesehen. Deshalb darf man unterstellen, dass gerade das Fach Mathematik eine Besonderheit ist und optimale Förderung erhält. Doch das Unterrichten der Mathematik ist das eigentliche Desaster deutscher Bildungsfähigkeit. So wird es Bayern natürlich freuen den ersten Platz zu belegen, auch wenn es ein schlechter erster Platz ist, denn es sind acht Bundesländer unterdurchschnittlich. Nur 62,2% aller Schüler erreichen in Deutschland den Regelstandard und 15,4% noch nicht einmal mehr den Mindeststandard.
Mathematiklehrer sind nicht mehr in der Lage Mathematik vermittelnd zu unterrichten. Sie erreichen schlichtweg ihre Schüler nicht. Das ist ein Offenbarungseid erster Klasse, allein schon deshalb, weil die Ergebnisse der Bundesländer weniger deutlich variieren. Zwischen dem höchsten und niedrigsten Anteil liegen gerade einmal 13,3 Prozentpunkte (19,1% in Sachsen und 5,8% in Bremen).

Seit dem Jahr 2011 hat sich deutsche Bildung erheblich verschlechtert. Die Kompetenz „Lesen“ blieb weitgehend stabil, wobei im Feld „Optimalstandard“ sich der Anteil signifikant reduzierte. Für die Kompetenzen „Zuhören“ und „Orthografie“ sind starke Negativtrends zu verzeichnen. Wie bereist dargelegt, reiht sich die Mathematik in diesen nach unten zeigenden Trend bestens ein.
Positive Entwicklungen sind in der IQB-Studie rar und lassen sich lediglich in zwei Fällen nachweisen: In Hamburg kann der Anteil der Schüler, die im Kompetenzbereich „Lesen“ den Regelstandard erreichen oder übertreffen, gesteigert und in Schleswig-Holstein, die im Kompetenzbereich „Lesen“ den Mindeststandard verfehlen, verringert werden.

Für den untersuchten Zeitraum der Jahre 2011 bis 2016 befinden sich 9 von 16 Bundesländern signifikant im negativen Bereich (Wertebereich von -15 bis +15), und dass in allen Kompetenzen. Berlin, Hessen und Schleswig-Holstein zeigen zumindest in der Kompetenz „Lesen“ ein spürbare Verbesserung. Das Saarland, Bayern und Sachsen weisen in diesem Bereich wenigstens noch einen kleinen positiven Trend auf. Einzig Hamburg hat in den Kompetenzen „Lesen“, „Zuhören“ und „Mathematik“ eine positivere Entwicklung im untersuchtem Zeitraum zu verzeichnen. Dies macht sehr deutlich, dass Gewinner der IQB-Studie ebenfalls Verlierer sind, weil ihre Bildungspolitik wenig Früchte trug.

Wer trägt an diesem Desaster die Schuld und
was muss sich ändern?

Wie so oft, wird vielseitig Kritik geübt und Kritiker geben sich die Klinke in die Hand, wenn sie sich in ihren Argumenten übertreffen. Selten haben sie konstruktive Verbesserungsvorschläge parat. Glücklicherweise kann man an diesem Bildungsdesaster den Lehrern keinen Vorwurf machen. Letztlich sind sie ausführendes Organ des Staates, und der bildet aus. In vielen meiner Publikationen habe ich diesen Zustand beanstandet und Lösungsvorschläge erarbeitet, national wie international.

Das für mich erschreckendste Bild ist die Tatsache, dass es der Bundesregierung in den vergangenen sechs Jahren nicht gelang, Bildung zu gestalten und zukunftsfähig zu machen. Sich damit rausreden zu wollen, dass Bildungspolitik Ländersache sei, ist ein ganz schlechtes Argument. Wenn Bundesländer geschlossen versagen, kann man dies nicht ausschließlich an den Landesregierungen festmachen. Andererseits haben Landesregierungen den Bezug zu ihrer Bevölkerung verloren und leben in einer Welt, die die Sorgen des Bürgers nicht mehr kennen. Ein Politiker, der im Monat über ein fünfstelliges Nettoeinkommen verfügt, wird beispielsweise die Sorgen einer allein erziehenden Mutter nicht verstehen können, die vielleicht nur ein Zehntel seines Einkommens monatlich hat. Die Alleinerziehende trägt aber einen maßgeblichen Teil zum Erhalt der Gesellschaft bei, was bei Kinderlosen nur bedingt gegeben ist. Kostenlose Kindergartenplätze, kostenfreie Schulbücher, kostenfreies und gesundes Essen in den Schulen und die kostenfreie Nutzung von Freizeiteinrichtungen, inklusiver kostenloser Fahrdienste, wären für diese Gesellschaftsgruppe wichtige Stützen.

Eine soziale Vernetzung der Schulen wäre eine ernsthafte
Gefahr für Facebook

Es bedarf keiner Reform einer Reform des Bildungssystems, es braucht eine grundsätzliche Neuausrichtung und die Erkenntnis, nicht ständig in den eigenen Reihen nach Kräften zu suchen, die es richten sollen, wenn sie über die Expertise nicht verfügen. Es fehlt an Struktur, an Organisation, an Mut es bewusst anders und besser machen zu wollen — kurzum an innovativem Geist die Zukunft anzunehmen.

Natürlich lässt es sich in modernen Gebäuden mit tageslichthellen Räumen, funktionierenden sanitären Einrichtungen und gut ausgestatteten Sportstätten besser Lernen und Unterrichten. Ein positives Ambiente ist ideale Rahmenbedingung für die Entstehung von Eigenmotivation und Förderung von Kreativität. In einem Interview, das ich im Juli 2015 mit der Architektin Laura P. Spinadel führte, wird sehr deutlich, was Architektur bewirkt. Frau Spinadel war die Masterplanerin des Campus WU in Wien.
Eine funktionierende Netzwerktechnik mit hintergrundbeleuchteten Smartboards, freiem Internetzugang und einem Sicherheitskonzept zum Erlernen sozialen Netzwerkens würde nicht nur den regionalen Austausch der Schulen fördern, sondern einen weltweiten Wissensaustausch im Fokus haben. Zudem wäre eine soziale Vernetzung der Schulen eine ernsthafte Gefahr für Facebook. Nicht nur weil die gesamte Rechenpower der Schulen mit der von Facebook locker Schritt halten könnte, sondern, weil Schüler von Anfang lernten, wie soziales Netzwerken funktioniert. Der Reiz, gewerbliche Dienste nutzen zu wollen, würde deutlich schwinden, weil sie über die kostenlosen Werkzeuge der Schulen die Welt genauso entdeckten und ihre Freunde unmittelbar in ihrem sozialen Umfeld fänden. Facebook würde zu einer Datenautobahn verkümmern, die lediglich die Information absetzt, die sich gerade in einem anderen sozialen Schulnetzwerk ereignete. Facebook-Werbung würde nur noch als Randerscheinung wahrgenommen werden, wie die Bandenwerbung eines Fußballspiels.

Wer nun vorschnell meint, dass alles sei zu aufwendig, zu teuer und schlicht nicht durchführbar – der irrt und hat bisher nicht verstanden, wie sich die Welt veränderte. Die Kompetenz des sozialen Netzwerkens wird mit die wichtigste Kompetenz der Schüler werden. Dazu ein weiteres Beispiel: Die Automobilindustrie erlebt gerade die Revolution der eMobilität, angetrieben durch Elon Musk und seinen TESLA-Fahrzeugen. Niemand der hiesigen Autokonzerne glaubte an diesen Visionär, der u.a. PayPal-Mitbegründer war. Der fortwährende Diesel-Skandal von Volkswagen zeigt die Blindheit und Ignoranz unserer Industrie auf und manifestiert den Irrglauben unangreifbar zu sein. Die daraus resultierenden Folgen sind schon jetzt für jeden Verbraucher spürbar.

Schulen, die auf ein baulich modernes Lernkonzept setzen, dazu eine vollständig vernetzte Struktur anstreben, mit OpenSource-Produkten arbeiten, ihre Verwaltungsarbeit auf ein Minimum reduzieren und dabei ihre Kommunikation mit Rechner, Smartpad und Smartphone führen – diese Schulen werden Vorreiter und Gewinner eines Bildungssystems sein, das ihnen wirkliche Freiräume für ihre pädagogische Arbeit lässt.

Kinder sollen Technik nicht als Spielgeräte kennen lernen, sondern als vorhandenen Bestandteil des täglichen Lebens erfahren. Medienerziehung stellt den Nutzen voran und nicht die Ablenkung durch Geräte. Ein Kind, das mit einem Tablet zur Schule kommt und darauf seine ganzen Schulbücher weiß, wird sich mehr bewegen können, besser wachsen und keine Haltungsschäden mehr haben, weil schwere Schulbücher wegfallen. Eltern, die in das Schulleben eingebunden und willkommen sind, begegnen der Schule mit weitaus weniger Aggressivität.

Ein Umdenken ist bitter notwendig. Konservative Bildung ist gescheitert. Deutschland - wach auf!

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach deutschen und europäischen Datenschutzrichtlinien
Lebt seit 2015 in Rio de Janeiro
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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3 Kommentare auf "Der freie Fall des deutschen Bildungssystems"

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PeterPan
Gast
Meine These: Vielleicht hat das Schulsystem gar nicht versagt, die Schüler sind nur einfach schlechter geworden. Ich bin Lehrer und Vater eines zweijährigen Sohnes. Wenn ich mir überlege, wie wir unseren Sohn zu Hause Fördern (Vorlesen, gemeinsames Singen, sinnvolles Spielzeug wie Puzzles etc.). Wenn ich jetzt lese, dass in den Grundschulen der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund stark gestiegen ist („die Studie spricht von wachsender Heterogenität), dann hat das garantiert Auswirkungen auf die Qualität der Leistungen. Man kann auch mit der besten schulischen Förderung die Versäumnisse der Elternhäuser nicht kompensieren. Das kann funktionieren, oft aber auch nicht. Man sollte also… Mehr lesen »
carsten
Gast

Noch weniger als von der deutschen Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte halte ich von der Hysterie, mit der darüber diskutiert wird. Was ist von einem rein statistische und wenig qualitativen Test wie VERA zu halten, der Qualifikationen in einem Fachthema abfragt, das womöglich bis dahin noch gar nicht im Unterricht der getesteten Kinder durchgenommen wurde? Eine ebermalige Gaga-Diskussion, die sich daraus ergibt, die mindestens genauso ziellos ist, wie die ewige Testerei um des statistischen Willens.

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