Bestens gebildet und dennoch nichts gelernt – PISA

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Wollte man die intelligentesten Schüler auf Erden finden, wo würde man sie vermuten?

Viele Leute würden spontan antworten, bei der IPO – der Internationalen Physik-Olympiade. Jedes Jahr lösen Schüler auf der ganzen Welt anspruchsvolle, theoretische und experimentelle physikalische Aufgaben unter Klausurbedingungen. Viele Stunden verbringen sie damit. Nur die Besten werden am Ende als Gewinner dastehen. Und seit 11 der letzten 25 Jahre kommen die Sieger nur aus einem Land — China.

Warum ist China die Führungsnation der PISA-Studien?

Ein Teilnehmer aus dem Vereinigten Königreich kommentierte das wie folgt:

„[...] das chinesische Bildungssystem, welches Disziplin durch Angstmacherei erreicht. [...] China beginnt die Vorbereitung auf den Wettbewerb, wenn die Teilnehmer gerade einmal 8 Jahre alt sind; ungefähr 16 Stunden täglich arbeiten sie an Problemen der Physik. Und das Ergebnis? Sie gewinnen einen Wettbewerb mit Leichtigkeit. [...] Ich bin derzeit einer der besten Physikstudenten im Vereinigten Königreich und ich würde alles geben, um einen solchen Erfolg zu haben, anstatt wie ich, der sich mit PC-Spielen die Zeit vergnügte und Beiträge in Foren schrieb.“

„Während der Abiturzeit hatte ich eine andere Erfahrung der chinesischen Disziplin durch Angstmacherei gemacht“, erzählte mir ein weiterer Student. „Als ich in in den Sommerferien einmal in China war, traf ich an einem Tag ein lokales Schwimmteam. Eines der Mädchen kicherte auf den Witz eines Freundes. Der Trainer, der hinter ihnen stand, beschimpfte sie, weil sie Spaß hatten und schlug dem Mädchen mit einem schweren Metallstab auf den Kopf. Sie war sich bewusst, nicht wieder zu lachen“.

Ja, wenn es um das Lösen von Problemen in der Physik geht, sind die Chinesen weltweit die Besten. Doch da kommt mir eine Frage auf: Na und?

Was habe ich von einer Show der mentalen Akrobatik? Was hilft es, wenn ein Kind im Klassenraum etwas schneller Dinge begreift, als ein anderes? Ist es fair, dieses Kind „intelligenter“ zu nennen? Richten wir Erwachsene unseren Maßstab noch richtig aus, wenn wir immer und immer wieder Vergleiche anstellen? Ist mir PISA mit ihren Studien eine Hilfe?

Da wird in mir ein Wortwechsel zwischen Al Seckel und Richard Feynman wach — jener Nobelpreisträger der Physik und ein Schelm:

„Ich erinnere mich an mehrere Gespräche, die Feynman und ich über die bemerkenswerten Fähigkeiten anderer Physiker hatten; so z.B von Steven Hawkins Fähigkeit der Pfadintegralrechnung, die nur in seinem Kopf passiert. Ach, das ist gar nicht so toll, antwortete Feynman. Es ist viel interessanter mit einer Technik empor zu steigen, wie ich es getan habe, anstatt das ganze nur in deinem Kopf mechanisch durchzuspielen. Feynman war nicht unbescheiden, er hatte recht. Das wahre Geheimnis eines Genies zeigt sich in der Kreativität und nicht in technischer Mechanik.“

Jeder kompetente Student kann lernen, Probleme schnell zu lösen. Dazu bedarf es nur des Trainings. Aber um innovativ zu sein, einen komplett neuen Weg der Problemlösung zu erfinden oder die Welt zu begreifen — das verdient wirkliche Anerkennung. Ein Erwachsener wird ein Kind in seiner Kreativität nicht schlagen können. Wer den Film Alphabet gesehen hat weiß, dass jeder Mensch mit der kreativen Fähigkeit von 97% geboren wird. Diese Fähigkeit ebbt auf 2% - ab dem 25. Lebensjahr - ab.

10.000 Stunden für Nichts!

Ein anderer Student erzählte mir, dass er in der Schulzeit bei verschiedenen regionalen Mathematik-Wettbewerben den ersten Platz machte. Und wie hat er das geschafft? „Meine Eltern und Lehrer trainierten mich darauf, die zu lösenden Probleme schneller zu identifizieren. Es gab bestimmte Tricks, die ich erkennen lernen musste. Nach unzähligen Stunden der Praxis, hatte ich meinen Blick so fokussiert, dass ich nach ein paar Notizen mit meinen Ergebnissen schneller war, als jeder andere Schüler“, so seine Erzählung.

Doch es gab Probleme bei dieser Vorgehensweise:

  • Er verstand nicht, was er tat — „Mit Sicherheit scherzen Sie, Mr. Feynman!“ Feynman erzählt in seinem Buch von seiner Reise nach Brasilien. Die Schüler konnten auf Probleme in ihren Prüfungen unglaublich schnell antworten, doch konnten sie ihr Wissen nicht auf die reale Welt anwenden. Schließlich diagnostizierte Feynman das Problem wie folgt:
     
    „Nach vielen Untersuchungen habe ich endlich herausgefunden, dass die Schüler alles auswendig gelernt hatten, aber sie wussten nicht, was etwas bedeutete. Als sie hörten, „Licht ist, was von einem Medium mit einem Index reflektiert wird“, machte es sie sprachlos. Das es ein Material wie Wasser sein konnte, fiel ihnen nicht ein. Sie wussten ebenfalls nicht, dass die „Richtung des Lichts“ jene Richtung ist, in die ich schaue, wenn ich etwas betrachte und mir ansehe. Alles war nur auswendig gelernt, doch nichts war in sinnvolle und nachhaltige Worte übersetzt. Wenn ich fragte, „Was ist der Brewster Winkel?“, dann wussten sie, dass sie mit dem Computer die richtigen Schlüsselbegriffe zu benutzen hatten. Aber wenn ich sagte, „Schau dir das Wasser an“ - passierte nichts. Sie hatten nichts unter „Schau dir das Wasser an“ abgespeichert.“
     
    Der Student war, wie die brasilianischen Studenten auch, zu einer gut geölten Maschine ausgebildet worden. Wurde er mit den richtigen Fragen gefüttert - jene auf die er programmiert war zu antworten - so würde er die richtigen Ergebnisse ausspucken. Wurde er aber gefragt etwas selbst zu kreieren, dann zeigte sich seine ganze Unfähigkeit.

Das ist, was passiert, wenn man versucht das Lernen über Wettbewerbe, Punkte, Augenblicke, Metriken und Bonussysteme zu vermitteln. Die ganze Komplexität und das Wunder des Lernens wird kastriert - kastriert auf Zahlen, die auf einer Seite stehen. Bei Bildung geht es schon lange nicht mehr über den Erwerb der Fähigkeit des Lernens, es geht um schnelle Kalkulation, höhere Punkte und wettbewerbsfähige Rankings.

Man trainiert uns nicht mehr zu verstehen, weil verstehen verlieren bedeutet.

Und wenn dann mal einer der seltenen Pädagogen auftaucht, die sich kümmern wollen, werden sie vom Bildungssystem kastriert. Bildung hat sich global verändert und sie wurde grundlegend schlechter.

Oliver Sacks hat in seinem Buch „On the Move“ geschrieben, dass einmal die Neurologie-Abteilung ihn gebeten hatte, seine Studenten zu testen und zu klassifizieren. Er legte das geforderte Ergebnis vor und alle Studenten bekamen ein „A“ für „sehr gut“. Die Abteilung meldete zurück, wie es denn sein könnte, dass alle ein „A“ erhielten? Sollte das ein Witz sein?, wurde er gefragt. Nein, antwortete er, das ist kein Witz. Je mehr er seine Studenten kennen lernte, desto mehr erschienen sie ihm unverwechselbar zu sein. Sein „A“ war nicht der Ausdruck, eine falsche Gleichheit zu bestätigen, sie war die Anerkennung der Einzigartigkeit eines jeden Studenten. Er spürte, dass ein Student nicht auf die Note oder einen Test reduziert werden konnte. Wie kann man nur Studenten beurteilen, ohne sie in ihrer Vielzahl an Situationen zu erleben - wie sie mit der hohen Qualität der Empathie, der Sorge, der Verantwortung und des Urteilens in ihrem Beruf umgehen? Letztlich wurde Oliver Sacks nicht mehr gefragt, seine Studenten zu benoten.

Kommen wir zum nächsten Problem:

  • Das Brandmarken der Industrie — Was passiert, wenn man ein Kind aus seinem Sandkasten holt, in dem es gelernt hat zu spielen, sich schmutzig zu machen, Spaß zu haben und einfach entdeckte, die Welt mit großen und neugierigen Augen zu sehen? Etwa, um es in ein Regime der Angst zu sperren, wo die Götter der Effizienz und Optimierung herrschen? Wird sie dann noch Sandburgen bauen? Und was passiert, wenn dieses Mädchen einmal Mutter wird? Was wird sie ihren Kindern lernen?

Kommen wir noch einmal auf den jungen Studenten aus dem Vereinigten Königreich zurück. Er beneidete die Chinesen und „würde alles geben, um einen solchen Erfolg zu haben“. In gleicher Art und Weise teilt er seine Vision einer Gesellschaft wie folgt:

  1. Eine produktive Gesellschaft ist eine, bestehend aus Experten.
  2. Kompetenz wird nur mit unnachgiebiger Praxis geleistet.
  3. Die produktivste Gesellschaft wird vollkommen, wenn die Bürger ständig an ihrer Disziplin arbeiten.

Der Student merkte weiter an, dass es natürlich eine Übergangszeit geben muss, in der diejenigen ausgesondert werden, denen echtes Fachwissen fehlt. Auf was für eine Gesellschaft steuern wir zu, wenn wir den Menschen auf einen einzigen, farblosen Punkt reduzieren? Dem Punkt der Produktivität? Nur die Starken dürfen überleben, die Schwachen nicht. Wir steuern unaufhaltsam auf die Brände zu, die uns die Industrie legte.

In Deutschland wird dies u.a. an den endlosen Betrügereien des Diesel-Gates der Automobilindustrie sichtbar. Die Industrie belog den Verbraucher, sie täuschte wissentlich vor und selbst nachdem die Fakten des Missbrauchs immer deutlicher wurden, fehlte die Einsicht der mächtigen Autobosse. Und die Politik, die eigentlich dem Wohle des Volkes zu dienen hat, lässt sich immer wieder, vermutlich aus persönlicher Nutznießerei, von den Mächtigen beeinflussen. Auch hier wieder beispielhaft, wie VW-Lobbyisten auf den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), Einfluss genommen haben sollen.

Gemeinsam, mein Lord Sauron, werden wir diese Mittel-Erde regieren. Die alte Welt wird im Feuer der Industrie verbrennen. Die Wälder werden fallen. Eine neue Ordnung wird empor steigen. Wir werden die Maschinerie des Krieges mit dem Schwert und dem Speer und der eisernen Faust des Orks begehen. Wir müssen nur diejenigen entfernen, die uns widersprechen.Student

Wenn man diese Worte liest, was fühlt man? Zorn, Hass oder vielleicht sogar Zustimmung, weil Beschriebenes das Ergebnis heutiger Bildung ist? Was ist Ihre Meinung?

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Thorsten Wollenhöfer

Autor bei EDUNETZ.org
Datenschutzbeauftragter im Bildungswesen
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
Bau sozialer Bildungsnetzwerke nach Maßgabe der DSGVO (GDPR)
Lebte von 2015-2018 in Rio de Janeiro und nahm internationale Bildungsaufgaben wahr
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch
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